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Gender*

Warum ich nicht „gendere“, und es manchmal doch tue.

Zuerst ging es nur darum, dass „die weibliche Form“ eines Wortes neben der „männlichen Form“ genannt werden sollte. Gemeint war damit, dass wenn wir von Menschen die zur Schule gehen reden (oder schreiben), wir von Schülern und Schülerinnen reden (bzw. schreiben).

Sinn oder Unsinn der Gendersprache

Ob das grammatikalisch Sinn macht, oder lesbar/ sprechbar ist, scheint dabei niemanden zu interessieren. In diesem Beitrag von Reiner Kunze, wird auf die grammatikalische Unlogik genauer eingegangen. Da ich in deutscher Grammatik immer schlecht war, belasse ich es mal dabei.

Auch in anderer Hinsicht macht diese Sprachgenderei wenig Sinn. Auf der einen Seite sollen die geschlechtlichen Unterschiede aufgelöst werden, gleichzeitig betont man sie durch die Gendersprache.

Und gibt es tatsächlich jemanden, der beim Satz: „Die Schüler sind in der Pause auf dem Schulhof“ denkt, dass es sich dabei um männliche Schüler handelt? Die Schüler sind eine Gruppe von Menschen, die zur Schule gehen. Nicht mehr, nicht weniger.

Dann wird es noch komplexer

Und damit ist es ja noch nicht genug. Neben Männern (Jungen) und Frauen (Mädchen) gibt es ja auch intersexuelle Menschen, Transgender etc. Und selbstverständlich sollen auch diese in der Sprache vorkommen, und deshalb wurde das „*“ als Ergänzung dazu genommen.

Damit das nicht missverstanden wird: keines dieser „Geschlechter“ ist besser oder schlechter als das Andere. Und es ist wichtig, wahrzunehmen, dass es Menschen gibt, die (aus welchen Gründen auch immer) nicht in die Kategorie Mann oder Frau passen.
Daher halte ich die Einführung einer dritten Geschlechts-Kategorie (Divers) beim Standesamt für absolut richtig! vor allem im Hinblick auf intersexuelle Menschen. Das heißt aber nicht, dass man dies immer und überall benennen muss.

Geschlechtergerecht

Dies alles wird als „geschlechtergerechte Sprache“ tituliert. Dieser Titel insistiert, dass jede Person, die nicht so spricht, sich einer ungerechten Sprache bedient.

Was ich aber noch problematischer finde ist, dass durch diese sogenannte „geschlechtergerechte Sprache“, das Geschlecht zur alles dominierenden Kategorie wird. Dabei sind wir doch so viel mehr, als unser Geschlecht.

Gender*chen

Das sogenannte Gender*chen (sprich: Dschendersternchen) begegnet uns inzwischen an vielen Stellen. Wie es ausgesprochen werden soll, dazu hat es auch den einen oder anderen, mehr oder weniger praktikablen Vorschlag gegeben.

Nun könnte uns allen das egal sein. Schließlich kann ja jeder Mensch so reden wie er will. Ob er (oder sie :-)) dann verstanden wird, ist eine andere Frage. Aber das Problem beginnt dann, wenn diese Art der Formulierung zur Regel oder zum Zwang wird.

Genderzwang

Angestellte bekommen dann eine Email mit solch einem (ähnlichen) Inhalt:

Liebe Kolleg*innen,
ab sofort gibt es in der Firma xyz eine Richtlinie für die Schreibweise für eine gendergerechte Sprache, […].
Die Geschäftsbereichsleiter- und –leiterinnen-Konferenz entschied, dass unsere Firma xyz als Sozialunternehmen, das auch für Diversität, Gleichbehandlung und Wertschätzung steht, mit gutem Vorbild voran gehen will.
Entsprechend […] folgen wir dabei dem „Rat für deutsche Rechtschreibung1 und verwenden eine geschlechtsumfassende Formulierung.

Studenten bekommen eine schlechte Bewertung für ihre Arbeit, oder ihre Arbeiten werden gar nicht anerkannt, wenn sie sich weigern Begriffe wie z.B. Student*innen zu verwenden.

Das halte ich für sehr problematisch. Hier handelt es sich um eine Art Sprachdogma, das mit rigorosen Methoden durchgesetzt werden soll.

Manchmal ist es witzig, oder peinlich

Wenn man manche Politiker hört, wie sie sich bei dem Versuch „gendergerecht“ zu sprechen verhaspeln und dann aus Schülerinnen und Schülern, Schülerinnen und Schülerinnen werden.

Und wie ist das im Übrigen mit dem Wasserhahn und der Wasserhenne?

Wann es sinnig ist, das Geschlecht durch die Sprache zu betonen!

Recht bekannt ist diese Geschichte, die gerne genommen wird um auf die Wichtigkeit einer Gendersprache hinzuweisen:

Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Bub wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der eine bekannte Kapazität für Kopfverletzungen ist.

Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: „Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!“.2

Der Chirurg ist natürlich nicht der zweite Vater (was heutzutage ja auch schon rechtlich möglich wäre), sondern seine Mutter. In dieser Geschichte werden die Formulierungen absichtlich so verwendet, dass sie dazu führen, dass man erstmal unsicher ist, wie es sein kann, dass der Verletzte, der Sohn des Chirurgen sein kann.

Auf die Formulierung achten

Es ist klar, dass eine Frau die einen chirurgischen Beruf ausübt, als Chirurgin bezeichnet werden sollte. Insofern zeigt die Geschichte etwas wichtiges. Bei Einzelpersonen und überall dort, wo das Geschlecht wichtig ist, sollte auch durch die Formulierung klar werden, ob es sich um einen Mann (bzw. nur Männer), eine Frau (bzw. nur Frauen) oder um Menschen unterschiedlichen Geschlechtes handelt.

Wann immer möglich, darauf zu achten, dass Formulierungen verwendet werden, die keine falschen Assoziationen wecken, sollte selbstverständlich sein. Dazu gibt es im Übrigen eine interessante Seite, auf der Vorschläge für alternative Worte oder Formulierungen gemacht werden.

Aber ich gebe zu: mir bleibt bei vielen der Formulierungen, ein fahler Geschmack im Mund. Wieso sollte eine Frau keine Beratertätigkeit tun können? Und stattdessen eine beratende Tätigkeit?

Andere Meinung? Ergänzung? Unterstreichung? Bitte kommentieren.

Leserbriefe

Hier noch, als Ergänzung, Ausschnitte aus zwei Leserbriefen, die mir ins Auge gestochen sind:

Zum Bericht „Stuttgart will gendergerechte Sprache nutzen“ […]

Liebe Leserinnen und Freundinnen der Esslinger Zeitung, die Gesellschaft für deutsche Sprache ist gegen die „Genderisierung“ in öffentlichen Texten durch Gendersternchen oder ähnliche Schreibweisen. […] Wieso nehmen die Verfechter einer gendergerechten Sprache eigentlich an, dass bei Allgemein-Begriffen wie Studenten, Fahrradfahrer oder Mitbürger vor unserem geistigen Auge eine rein männliche Ansammlung von Personen entsteht? Bei uns nicht, wir sehen da jeweils eine Gruppe von Männern, Frauen und auch Diversen.

Wenn man schon diesen Irrsinn verfolgen will, dann bitte konsequent und auch in alle Richtungen. So sehen wir eine Benachteiligung der Männer durch Verwendung des auch weiblichen Artikels „die“ für den Plural, wie „die Radfahrenden“. Weitere Beispiele: „Der/die/das Bürgerinnenmeisterinnen von Stuttgart“ anstatt die Bürgermeister? Schreibt man dann „AÄrztin“? Denn „Arztin“ ist gemäß den Rechtschreibregeln genauso falsch wie „Ärztin“. Umfasst „die Menschheit“ oder „die Gesellschaft“ nur weibliche Personen, weil das Wort den femininen Artikel hat? Und was ist mit dem neuen Geschlecht „Divers“? […] .

Kitty und Rainer Zottmaier, Esslingen, Esslinger Zeitung vom 29.08.2020

Sehr geehrte Dame Sitzfrau…

[…]

„Die Zeit ist reif für eine radikale Überarbeitung unseres Männer-dominierten Sprachgebrauchs“ mögen die wackeren Verfechter/innen einer neuen „geschlechter-sensiblen Verwaltungssprache“ gedacht haben, als sie dieses hochemotionale Thema aufgriffen. […] Schon lange stört mich beispielsweise die profane Anrede „Frau XY“ für eine weibliche Person, während beim Mann sowohl in Einzahl als auch Mehrzahl immer die vornehme Form „Herr“ bzw. „Herren“ zur Anwendung kommt. Warum also nicht „Sehr geehrte Dame XY“? Diese erste Voraussetzung bietet dann einen weiteren Schritt zur Abschaffung des „Mannes“ bei den Doppelnamen wie z.B. unserer Landesministerinnen „Eisenmann“ und „Sitzmann“. „Frau Eisenfrau“ oder „Frau Sitzfrau“ würde sich etwas umständlich anhören; „Dame Eisenfrau“ oder „Dame Sitzfrau“ klingt da schon geschmeidiger. […].

Man sieht also, da gibt es in Arbeitskreisen noch viel zu diskutieren und für die gute Sache zu streiten. Wenn nicht diese selbstlosen Gerechten, wer sonst soll uns aus der archaischen Macho-Welt in eine geschlechtersensible Zukunft führen?

Günter Jahn, Altbach, Esslinger Zeitung vom 29.08.2020

Andere Texte zum Thema:

dieser Kommentar aus dem Tagesspiegel zeigt, dass man alles auch ganz anders sehen kann. Und wer tut das? Die Briten natürlich 🙂

HTTPS://M.TAGESSPIEGEL.DE/KULTUR/DEUTSCHLAND-IST-BESESSEN-VON-GENITALIEN-GENDERN-MACHT-DIE-DISKRIMINIERUNG-NUR-NOCH-SCHLIMMER/26140402.HTML

Auch Cate Blanchett sieht es etwas anders, als es den Wortpolizisten in Deutschland in den Kram passen dürfte:

HTTPS://WWW.VIP.DE/CMS/CATE-BLANCHETT-DAS-WORT-SCHAUSPIELERIN-WURDE-AUF-ABWERTENDE-WEISE-VERWENDET-4607620.HTML

Und noch ein Ausschnitt aus einem Gastkommentar in der FAZ+, vom 05.09.2020:

[…] das ist nur ein Beispiel dafür, wie sich eine ursprüngliche Befreiungsabsicht, die persönliche Besonderheit sensibel schützen soll, in eine neues Machtsystem verkehrt hat. Die gesellschaftlichen Kräfteverhätnisse haben sich verschoben. Es geht in erster Linie nicht mehr darum, dass bestehende Diskriminierungen abgebaut werden. Das Gleichheitsstreben dient inzwischen ganz anderen Zwecken. Ziel ist die Vergewisserung und Bestätigung, dass bestimmte Sexualitäts- und Lebenformen im besonderen Maße fortschrittlich, human und aufgeklärt sind. Nicht Gleichstellung und Integration werden gesucht, sondern im Gegenheit, Privilegien für das jeweils Eigene und Besondere […]

Der ganze Text ist hier zu finden.

Und hier noch ein Kommentar (FAZ+) zur Sendung Hart aber Fair, vom 05.10. mit dem Thema: Streit um die Sprache: Was darf man noch sagen und was besser nicht?

HTTPS://WWW.FAZ.NET/AKTUELL/FEUILLETON/MEDIEN/TV-KRITIK-HART-ABER-FAIR-WIR-BRAUCHEN-KEINE-WEISSEN-DIE-UNS-ERZAEHLEN-WER-UNS-KRAENKT-16988104.HTML

  1. meine Recherchen haben eine entsprechende Aussage des Rates für deutsche Rechtschreibung nirgends gefunden. Im Gegenteil, Rat hat sich dazu entschlossen, keine Empfehlung auszusprechen. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/rat-fuer-deutsche-rechtschreibung-keine-empfehlung-zum-gendersternchen/23643900.html Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat Kriterien aufgestellt unter denen das Gendering möglich ist. Der folgende Link bietet dazu eine ausführliche Bewertung unterschiedlicher Schreibweisen, unter Berücksichtigung der Regeln der GfdS: https://gfds.de/standpunkt-der-gfds-zu-einer-geschlechtergerechten-sprache/
  2. Die Geschichte kann man auch manipulativer erzählen: Ein Vater fährt mit seinem Sohn zum Fußballspiel, doch mitten auf einem Bahnübergang bleibt ihr Wagen stehen. In der Ferne hört man schon den Zug pfeifen, verzweifelt versucht der Vater, den Motor anzulassen, aber vor Aufregung schafft er es nicht. Das Auto wird vom Zug erfasst. Ein Rettungswagen jagt zum Unfallort und holt die beiden ab, doch der Vater stirbt noch auf der Fahrt ins Krankenhaus. Der Sohn lebt, muss aber sofort operiert werden. Er wird in den OP-Saal gefahren, wo schon die diensthabenden Chirurgen warten. Als sie sich jedoch über den Jungen beugen, sagt jemand vom Chirurgenteam mit erschrockener Stimme: „Ich kann nicht operieren – das ist mein Sohn!“ Link: https://watch-salon.blogspot.com/2012/11/der-sohn-im-op-saal-oder-die-geschichte.html