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Geschlecht und Glaube

Referat beim Studientag der Jugendreferenten im EJW

Vor kurzem hatte ich den Auftrag ein Co-Referat zu halten, bei dem die Frage, welche Zusammenhänge es von Glaube und Geschlecht geben könnte.

Das Hauptreferat hielt Prof. Dr. Giesekus, unter dem Titel: „Geschlecht, Glaube, Identität“. Seine Ausführungen haben mir sehr gut gefallen. Zum einen, weil er sie in seiner lockeren Art, mit Humor und doch auch wissenschaftlichen Anspruch vortrug. Zum Anderen, weil er vieles sagte, wovon auch ich selber überzeugt bin.

So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass einiges von dem was er gesagt hatte auch in meiner Co-Referat auftauchte. Das war natürlich für die Zuhörer suboptimal.

Das Referat von mir kann unter diesem Abschnitt heruntergeladen werden. Im folgenden sollen nur die im Referat aufgestellten fünf Thesen genannt und erklärt werden.

These 1: Wir sind als Menschen, die mit Jungen und Mädchen arbeiten wichtige Vorbilder und Identifikationspersonen

Geschlechtsidentität entwickelt sich in sieben Ebenen:

  1. Geboren werden – ich will (Körper) sein – core gender
  2. Dazugehören – ich möchte zu einer Gruppe (Junge/ Mädchen) dazu gehören – gender
  3. Das eigene Geschlecht entfalten – männlich (zeugen) oder weiblich (empfangen/ gebären) handeln – potency
  4. Ergänzung im anderen Geschlecht finden – Abgrenzung vs. Annahme des anderen Geschlechts – integration
  5. Sich an eine Person binden – wir zwei wollen Eins werden – intimacy
  6. Fruchtbar sein – wir zwei wollen drei werden – parenthood
  7. Verantwortung übernehmen – wir wollen das Leben/ Werte/ Kultur weiter geben – generativity

und eine wichtige Aufgabe für die Identitätsfindung ist es, die eigenen Stärken und Schwächen zu integrieren. Damit das gelingen kann, ist eine gute, verlässliche Beziehung zu den (einem) Eltern (-teil) entscheidend wichtig. Die verlässliche Beziehung ermöglicht in Krisensituationen sowohl Zuspruch, wie auch Trost und Anspruch zu geben, bzw. zu formulieren.

Die Geschlechtsidentität – also bin ich tatsächlich ein Mann, was bedeutet es für mich als Mann, ein Mann zu sein etc.– ist nicht vorbestimmt und auch nicht fest gelegt, sondern wird immer wieder „ausgehandelt“ und ist ein lebenslang wandelbarer Prozess. Es ist aus meiner Sicht sehr wichtig, dass sich ein Mensch einem Geschlecht zuordnen kann und nicht im Nirvana der Beliebigkeit hängen bleibt. Die allermeisten Menschen gehören einem der beiden Geschlechter Mann oder Frau an, und es ist eine wichtige Aufgabe sich mit diesem Geschlecht auseinander zu setzen – zu klären was gefällt mir daran, was nicht. Und warum?

Dazu, diese Aufgabe in guter Weise abzuarbeiten, können wir beitragen, indem wir den Jungen und Mädchen selbstreflektierte Gegenüber als Mann oder Frau sind und indem wir ihnen spiegeln, wie wir sie wahrnehmen.

Die „Identitätssicherheit“ des eigenen Geschlechtes wird sowohl durch lernen am Vorbild, wie auch durch Zuspruch von außen (am besten durch „das andere Geschlecht“), als auch der Eigenreflexion erlangt.

Vor allem aber dann, wenn Vater und /oder Mutter wenig oder gar nicht präsent sind im Leben von Kindern oder Jugendlichen, benötigen sie Männer und Frauen als Ersatzidentifikationspersonen. Wir haben als Jugendarbeiter sozusagen die Macht, den Jungen und Mädchen in unseren Gruppen und Kreisen oder auch in den offenen Häusern Identität zu zu sprechen.

These 2: Peergroups sind sehr wichtig – wir können und sollten die Rahmenbedingungen solcher Peer (mit-)gestalten

Die Auswirkungen von Peergroups auf die Persönlichkeitsentwicklung und das Selbstwertgefühl sind wesentlich / können wesentlich sein. Dabei geht es bei Jungs um Fragen wie: Wie verhalte ich mich richtig? An wem orientiere ich mich? Mit wem konkurriere ich? Somit tragen die Peergroups zusätzlich zu uns weiblichen oder männlichen Jugendreferenten, die älter als die Jugendlichen sind, zur Identitätsbildung bei.

Die Wichtigkeit und Bedeutung von Peergroups sind den meisten in der Jugendarbeit bewußt. Was wir manchmal vergessen ist, dass wir in Jungschar/ Jugendkreis/ Pfadfinder Peergroups haben, deren Rahmenbedingungen wir wesentlich mitbestimmen können – bzw. die jeweiligen Gruppenleiter.

Wie können wir die Rahmenbedingungen mitgestalten?

  1. durch Schulung der MA
    vor allem in den Bereichen Geschlechtersensibilität (Arbeit mit Jungen/ mit Mädchen, geschlechtsbiorgrafische Reflexion, Frauen und Männerbilder etc.), Prävention sexueller Gewalt (Umgang zwischen den Geschlechtern und mit dem gleichen/ eigenen Geschlecht), Spielpädagogik (Spiele für Mädchen, Spiele für Jungs – das gibt es tatsächlich)
  2. durch entsprechende Gruppenstunden Vorlagen (Workshop Gruppenstundenentwürfe)
  3. durch die Inhalte (auch theologische Inhalte, die in den Impulsen/ Andachten vorkommen)
  4. durch die Angebote spezieller Inhalte für Jungs oder für Mädchen (Jungs schließen Beziehungen stärker durch gemeinsames Tun, Mädchen durch miteinander reden oder Mitteilen).
  5. durch Regelungen bzw. Reflektion des Sprachgebrauchs, der Haltungen etc.
  6. ….

These 3: Eine Jungsgruppe muss ich anders „aufziehen“ als eine Mädchengruppe, weil die Bedürfnisse von Jungs und Mädchen unterschiedlich sind.

Wir haben im CVJM Esslingen eine starke Pfadfinderarbeit. Die Gruppen sind seit jeher getrennt geschlechtlich. Im Prinzip haben alle Gruppen, egal ob Jungs oder Mädchen die gleichen Inhalte. Es geht um „pfadfinderisches“ und das wird nicht nach Geschlecht unterschieden. Trotzdem sind die Programme der Jungenpfadfinder und die der Mädchenpfadfinder unterschiedlich. Selbst dann wenn sie dieselben Titel haben.

These 4: Menschen aus der Bibel bieten vielfältige Möglichkeiten der Identifikation, können Vorbilder sein für Mann/ Frau sein bzw. für den Glauben als Mann / Frau.

In unseren Sexualpädagogischen Gruppenstundenentwürfen (die wir für die Jugendgruppen des CVJM entwickelt haben) haben wir je eine Gruppenstunde für Jungs und eine für Mädchen eingeplant, in denen es darum geht: Meine Identität als Mann/ Frau – Wer bin ich?

In einem Teil der Gruppenstunden geht es um Aussagen in der Bibel zum Mannsein/ Frausein und in einem Teil um Männer/ Frauen aus der Bibel.
Wir haben dabei versucht möglichst unterschiedliche Typen aus zu wählen, um eine große Bandbreite von Männlichkeit/ Frausein aufzuzeigen.

Die Aufgabe ist es, dass unterschiedliche Teams eine biblische Gestalt daraufhin „untersuchen“ was diese Personen gemacht haben und was aus Sicht der Teams daran männlich oder weiblich ist. Dabei soll deutlich werden: Ob Mann oder Frau, Junge oder Mädchen, Gott geht mit jedem einen individuellen Weg. Es ist nicht gut und hilfreich, wenn ich danach schiele was „die anderen“ erleben oder haben. Es kommt auf mich und meine Gottesbeziehung an.
Danach sollen die einzelnen Gruppenteilnehmer überlegen, welche der Eigenschaften entdecke ich bei mir und welche finde ich gut und will ich verstärken?

These 5: Jungs glauben anders – Mädchen auch

Im CVJM haben wir seit einigen Jahren eine Männergebetsgruppe. Männer treffen sich mehrmals im Jahr um einen Abend lang Gott gemeinsam zu loben, für unterschiedliche Dinge einzustehen und Fürbitte zu tun. Die Art und weise, wie wir Männer in dieser Gruppe beten ist teilweise sehr unterschiedlich zum dem wie die gleichen Männer beten, wenn Frauen anwesend sind. Es ist gar nicht einfach das an einem Beispiel zu verdeutlichen.
Wenn wir das Vater unser gemeinsam beten, dann ist das kraftvoll (nicht im Sinne von besser oder vollmächtiger – einfach kraftvoll) und laut.
Wenn wir Lobpreis machen, dass sind das viele Lieder der Kraft und Macht, der Majestät und Herrschaft Gottes.

Warum ist das so?

Vielleicht weil die Männer sich gegenseitig anspornen und herausfordern? Weil Männer mehr auf diese Eigenschaften Kraft und Macht und Herrschaft stehen?

In einer Gruppe von Männern verstärkt sich das Gemeinschaftsgefühl auf einer anderen Ebene (nicht wertend – nur ausdrückend: anders), gegenüber einer gemischten Gruppe.

Ich glaube, dass wir Männer uns anders verhalten, wenn Frauen da sind.
Zum einen nehmen wir eher Rücksicht, zum anderen wollen wir auch bei den Frauen punkten. Das meiste davon geschieht gar nicht bewußt. Wenn wir unter uns sind, dann sind wir ungehemmter, offener in dem was und wie wir reden. Das erlebe ich schon, wenn ich bei einer Veranstaltung mit fünf anderen Männern am selben Sechsertisch sitze.