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Jesus – Sex – Revolution – die Theologie des Leibes

Der folgende Text und die dazugehörigen Ausführungen gehen zurück auf das Buch: Menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan von Johannes Paul II und sind wesentlich beeinflußt von dem Referat „Eine Revolution, die sich an der Bibel orientiert“ von Konstantin Mascher, dem Buch „Theologie des Leibes für Anfänger“ von Christopher West und einigen Referaten von Markus Hoffmann.

Zitate werden in Fußnoten kenntlich gemacht.

Einleitung

Vor kurzem galt die Ehe als ein Auslaufmodell. Die neusten statistischen Daten wurden dann auch in zahlreichen Kommentaren so gedeutet – und die Tatsache, dass 70% der Familien mit Kindern Ehepaare sind, als Übergang getitelt.

Einige Fakten: eine überwältigende Mehrheit der Kinder, lebt in einem Haushalt mit Vater und Mutter! Doch überall wird genau dieses Modell als überholt bezeichnet. Die große Mehrheit der in Deutschland lebenden, scheint das aber anders zu sehen.

Familienformen Zahlen 1

 

Familienformen Zahlen 4

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was tut die Politik und eine ziemlich aktive Minderheit an gesellschaftlich engagierten Menschen? Statt die Institution der Ehe zu festigen, wird ihre sukzessive Aushöhlung durch kulturelle Umdeutung, ökonomische Umschichtung und moralische Umwertung betrieben. Was die Begriffe „Ehe“ und „Familie“ bedeuten, welche Förderung und Schutz ihnen zusteht und wer sie mit wem und zu wie vielen bildet, stand noch nie so grundsätzlich zur Debatte wie heute.

Die Ehe – eigentlich eine sexuelle Revolution

Schauen wir in die gesellschaftlichen Zustände der Kulturen Europas, bevor sich das Christentum prägend in der Gesellschaft bemerkbar gemacht hat, stellen wir fest: Ehen waren vielfach beliebig – im römischen Reich z.B. konnten sich die Ehepartner relativ problemlos scheiden und wieder verheiraten. Dies hat Frauen ohne eigenes Vermögen zum Spielball der mächtigen Männer gemacht. Sexuelle Treue war (fast) kein Thema. Die Überhöhung der Sexualität dagegen schon. Dies zeigte sich u.a. darin, dass religiöse Prostitution in vielen Kulturen völlig normal war.
Durch die Ausbreitung des Christentums und die damit verbundene Durchdringung der Gesellschaft, wurde die monogame Ehe und die sexuelle Treue, zum kulturellen Leitbild und bald zur einzig legitimen Gestalt im sexuellen Zu- und Miteinander der Geschlechter. Dadurch wurde eine Rechtssicherheit geschaffen, sowohl in finanzieller Hinsicht, also auch in Abstammungsfragen.

Leitbild oder Leidbild?

Zu Beginn der Bibel lesen wir: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und spach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer …“ (1.Mose 1, 27ff) und später: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.“ (1.Mose 2, 23f)
Die Sexualität und Partnerschaft von Mann und Frau – inklusive der Zeugung von Kindern – sind in alt- und auch neutestamentlichen Grundtexten durchweg positiv verankert. (neben den Mosetexten, auch z.B. Matthäus 19, 1-9; oder Markus 10, 1-12; und Epheser 5, 25-33) Das Leitbild der Bibel ist die lebenslange Dauer der Lebensgemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau, in der Sexualität gelebt wird und Kinder geboren und aufwachsen können. Vereinfacht gesagt, die Ehe.
Das schließt jedoch keineswegs das Scheitern, die Unfruchtbarkeit oder sonstige Mangelerscheinungen aus. Wenn nun die Evangelische Kirche in Deutschland in ihrer „Orientierungshilfe“ aber den Ehebegriff so weit dehnt, dass sich die darin enthaltene Ehe- und Sexualethik kaum noch von den Maßgaben einer einigermaßen verlässlichen Nachbarschaft unterscheiden lässt, dann ist etwas schief geworden!

„Die Denkschrift erinnert im Ganzen an die Kontroverse der Pharisäer mit Jesus. Die konfrontierten den Meister auch mit den holprigen „Realitäten“ des Ehelebens, während sie das Ehebruchsverbot gegen die Vorgaben zur Schadensbegrenzung per Scheidebrief ausspielten. Was würde Jesus heute wohl erwidern? Vermutlich würde er einfach wieder auf das Urkonzept verweisen: Am Anfang aber, als Gott den Menschen erschuf … (Mt 19,4)“ 1
Es handelt sich um verschiedene Ebenen. Die eine Ebene ist die, welche Gott sich ursprünglich gedacht hat. Ehe – ein Mann, eine Frau, viele Kinder. Die andere Ebene ist die gesellschaftliche Realität: zu hohe Ansprüche an eine Ehe, Sex ohne Kinder, Scheitern von Ehen, Unfruchtbarkeit, Singledasein, Beziehungsunfähigkeit….
Gottes Plan bleibt aber der Gleiche! Annahme und Vergebung für alle Gescheiterten ja! Akzeptanz oder sogar Förderung von Umdeutungen nein! – auch nicht um unserer Schwachheit Willen. Papst Franziskus spricht diesbezüglich vom Verbinden von Wunden ohne sie zu heilen.

Die Theologie des Leibes

Hintergrund: „Theologie des Leibes“ ist der Arbeitstitel für 129 kurze Ansprachen, die Papst Johannes Paul II. zwischen 1979 und 1984 gehalten hat. Die Grundannahme dabei ist, dass Gott die Berufung zu lieben wie er liebt (Joh 15,12), unserem Leib „eingeschrieben“ hat, indem er uns als Mann und Frau erschaffen hat und uns beruft „ein Leib“ zu werden. In Epheser 5, 31ff wird das ein Leib zu sein mit Jesus und der Gemeinde in Zusammenhang gesetzt: „…und die zwei werden ein Leib sein. Hinter diesen Worten verbirgt sich ein tiefes Geheimnis. Ich bin überzeugt, dass hier von Christus und der Gemeinde die Rede ist. Doch die Aussage betrifft auch jeden von euch ganz persönlich: Jeder soll seine Frau so lieben, wie er sich selbst liebt, und die Frau soll ihrem Mann mit Ehrerbietung begegnen.“ Als leibliche Wesen ist für uns die Erfahrung der geistlichen Welt, bzw. einer geistlichen Wahrheit, am ehesten durch den Leib möglich. So wird die Tat Jesu am Kreuz im und durch das Abendmahl verdeutlicht. Die geistige Tat des Sterbens und die Schuld auf sich Nehmens, wird durch die Erfahrung des Körpers in dem Wein und Brot genossen wird erfahrbar.

Die These

„Der Leib, und nur er, kann das Unsichtbare sichtbar machen: das Geistliche und das Göttliche. Er wurde geschaffen, das von Ewigkeit her in Gott verborgene Geheimnis in die sichtbare Wirklichkeit der Welt zu übertragen und so Zeichen dieses Geheimnisses zu sein.“ (Papst Johannes Paul II [PJPII] am 20.02.1980)2

D.h. weil wir nach Gottes Abbild geschaffen sind, wird in uns(erem Leib) auch etwas von Gott (oder von Gottes unsichtbarem Geheimnis) sichtbar. Dazu kommt noch, dass Gott zum Menschen wurde – Gott wurde Fleisch in Jesus Christus. Es zeigt, dass es Gott gefällt, geistige Wahrheiten durch den Leib zu erklären.

Was bedeutet das? Wie ist das gemeint?

„…Gott ist Liebe“ (1 Joh 4,8) jedoch nicht nur weil er uns liebt, sondern weil er in sich eine dauerhaften Liebesaustausch lebt. Vater, Sohn und Heiliger Geist haben eine ewige Gemeinschaft und wollen uns Menschen daran teilhaben lassen. Gott der Vater liebt seinen Sohn vor Anbeginn der Welt (Joh.17,24), der Sohn verwirklicht sein Sohn sein, bis in den Tod am Kreuz. In Johannes 14, 16 heißt es: „Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit […]“ → d.h. der Dialog (bitten) von Vater und Sohn bringt den Heiligen Geist hervor (auf die Erde, in die Jünger). In Jesus ist immer der Vater und der Geist gegenwärtig – im Vater immer der Sohn und der Geist und im Geist immer der Sohn und der Vater. Gott als drei Personen, die aber nicht statisch getrennt voneinander existieren, sondern vielmehr im Liebesakt des Sich-Schenkens ständig auf einander bezogen sind.

Darum existieren wir: weil die Liebe (Gottes) sich danach sehnt, die Gemeinschaft zu erweitern – Gott hat uns nicht gebraucht – doch aufgrund des Wesens seiner Liebe, wollte Gott die Gemeinschaft erweitern, wollte Gott, dass wir an diesem dauerhaften Liebesaustausch teilhaben können.

Gott hat uns als Mann und Frau geschaffen, und damit eine leibliche Version seines ewigen Liebesaustausches. Das ist unsere Grundberufung als Mann und Frau, dass wir Abbild seiner Liebe werden. Mann und Frau sollen sich gegenseitig zum Geschenk werden. Und weil die Liebe die Gemeinschaft erweitern will, soll daraus eine dritte Person entstehen (und unter normalen Umständen auch wird das auch geschehen) . Damit ist die geschlechtliche Liebe ein Abbild des Innenlebens des dreieinigen Gottes. Und darüber hinaus auch ein Bild für die Vereinigung Gottes mit der Menschheit, wie in Epheser 5 beschrieben: Jesus hat seinen Vater im Himmel verlassen. Damit er seinen Leib für seine Braut (die Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen) hingeben konnte und wir mit ihm ein Leib werden – im Abendmahl. Papst Johannes Paul II. beschreibt die Eucharistie als das Sakrament des Bräutigams und der Braut. Das bedeutet mit anderen Worten: Durch den Tod Jesu – seine Hingabe für die Erlösung der Menschheit, wird die Liebe Gottes auf die gesamte Schöpfung ausgegossen. Die Gemeinschaft der Heiligen empfängt diese Liebe im Abendmahl3 und versucht diese empfangene Liebe zu erwidern und zu erweitern indem Menschen zur Gemeinschaft der Heiligen dazugewonnen werden.
Das lässt uns auch verstehen, warum das Bild der Ehe das am häufigsten verwendete Bild der göttlichen Liebe und der Beziehung Gottes zu uns Menschen in der Bibel ist.
Wenn Gott nun den Leib und die sexuelle Vereinigung dazu geschaffen hat, um sein ewiges Geheimnis der Liebe zu zeigen, warum ist dann die Sache mit dem Sex so schwierig? So umkämpft?
Wenn wir den Epheserbrief anschauen, dann werden die Empfänger des Briefes, im Kapitel nach den Ausführungen über das tiefe Geheimnis (Eph 5)dazu aufgerufen, sich für den Kampf gegen das Böse zu rüsten (Eph 6). Dies ist kein Zufall. Für den Schreiber des Epheserbriefes ist klar, dass der Feind dort angreift, wo er am meisten Schaden anrichten kann. Und das ist im Bereich der Sexualität, zumal er dadurch das Geheimnis Gottes verschleiern kann.

Lange war ich der Meinung, dass Sexualität ein Thema der Bibel unter Vielen ist. Dass sexuelle Verfehlung nicht bedeutungsvoller ist, als andere Sünden. Durch die Beschäftigung mit der Theologie des Leibes hat sich diese Sichtweise etwas verändert. Die Auffassung über Sexualität und die eheliche Liebe hat Auswirkungen auf viele, wenn nicht sogar alle gesellschaftlichen Bereiche. Denn die Sichtweise bzgl. der Sexualität, hat Auswirkungen auf Ehe und Familie. Und diese Auswirkungen wiederum haben wesentlichen Einfluss darauf, wie es um unsere Gesellschaft steht.

Mir ist in diesen, teilweise auf üble Weise geführten Streitfragen was Sexualität betrifft wichtig, nicht auf die Verfehlungen zu zeigen oder auch nur zu schauen, sondern auf das, wie Gott es ursprünglich gedacht hat. Denn wenn ich mit dem Finger auf andere zeige, dann ist mir klar, dass drei Finger in meine Richtung zeigen.

Wenn Gott in die geschlechtliche Liebe so viel hineingelegt hat, wie ich bis hierher ausgeführt habe, dann bedeutet das für mich auch, dass diese Wahrheit tief in uns allen verankert sein muss. Und daraus folgt, dass jeder Mensch dies erkennen können müsste. Mit PJPII frage ich: „Was ist die Wahrheit über die Sexualität, die mich zur Liebe befreit?“ „Was bedeutet es Mensch zu sein?“ und „Wie soll ich mein Leben leben, damit ich wirklich glücklich werde?“4 Das sind die Grundfragen, die zu beantworten sind.

Um Gottes ursprünglichen Plan zu verstehen, ist es nötig an den Anfang zurück zu gehen, bevor die Sünde die Dinge durcheinander gebracht hat.

Einsamkeit – die Entdeckung des Anderssein – die Entdeckung der Identität

Der Schöpfungsbericht in Genesis 2 berichtet von der Erschaffung des Menschen. Im Unterschied zu den Tieren wird der Mensch mit dem Atem Gottes erfüllt (Vers 7). Hier ist der Mensch einfach Mensch – es wird nicht davon gesprochen, dass es ein Mann, oder eine Frau wäre. Der Mensch hat Gemeinschaft mit Gott (Vers 16+17). Der Plan Gottes geht aber weiter. So wie Gott in sich ewige Gemeinschaft hat, will er auch dem Menschen ewige Gemeinschaft ermöglichen, indem er dem Menschen eine gleichartige Person zur Seite stellt, die er lieben kann.
Gott spricht dem Menschen zu, dass es nicht gut sei, wenn er allein wäre. Und damit der Mensch sich selbst findet, erschafft Gott die Tiere und beauftragt den Menschen diesen Namen zu geben. Indem er das tut, entdeckt er dass er anders ist als die Tiere. In seinem Anderssein entdeckt der Mensch (einen Teil) seiner Identität.
Ein wichtiger Aspekt ist hier noch die Frage nach der Freiheit. Adam (der Mensch) ist in seinen Entscheidungen frei, denn Liebe ohne Freiheit geht nicht. Gott lässt dem Menschen die Freiheit für oder gegen eine Beziehung zu ihm (Gott). Gleichzeitig macht Gott aber auch deutlich, dass es Entscheidungen gibt, die schlecht für Adam (uns) sind (Gen 2, 16+17).
„Die Freiheit ist da um zu lieben. Sie kann zu Zerstörung und Zwiespalt führen, aber sie ist dazu gedacht Leben zu geben und Einheit zu schaffen. Wir haben die Wahl.“5

Einheit – die Gemeinschaft von Personen

Den anderen Teil seiner Identität entdeckt der Mensch, der in dem Moment ein Mann wird/ist, als er die Frau erblickt. „Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.“ (Gen 2,23) Gleich darauf wird erklärt, was die Folgen dieser „Gleichartigkeit“ ist: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.“ (Gen 2,24) „Der Mensch wird nicht so sehr im Augenblick seiner Einsamkeit als vielmehr im Augenblick der Gemeinschaft zum Abbild Gottes. Mit anderen Worten, der Mensch ist Abbild Gottes „nicht nur durch sein Menschsein als solches, sondern auch durch die personale Gemeinschaft, die Mann und Frau von Anfang an bilden.“6 Es ist also so, dass die Bestimmung von Mann und Frau die Gemeinschaft miteinander ist, in der sich die Gemeinschaft Gottes widerspiegelt. Wenn Mann und Frau „ein Fleisch“ werden, also miteinander Sex haben, dann zeigt sich dieses Geheimnis am deutlichsten.

Was Gott sich ursprünglich gedacht hat

Im nächsten Vers von Genesis 2 lesen wir:“Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.“ Diese Nacktheit ohne Scham ist wesentlich, um den Plan Gottes zu verstehen. Nacktheit ohne Scham ist dann möglich, wenn beide Partner darum wissen, dass sie vom anderen geliebt werden. Wenn sich die Partner begEHREN, sich einander schenken – statt sich der BeGIERde hin zu geben, dann ist Nacktheit ohne Scham das, was Gott sich ursprünglich gedacht hat. „Nur wer frei vom Zwang der Begierde ist, ist fähig ein wirkliches „Geschenk“ für jemand anderen zu sein.“7

Die folgenden beiden Grafiken verdeutlichen den ursprünglichen Gedanken Gottes und was durch die Sünde daraus geworden ist:

Ursprüngliche Idee Adam Eva

 

 

Gesunde Sexualität lebt aus dem BegEHREN

 

 

 

 

 

Durch die Sünde hält die BeGIERde Einzug in die sehr gute Schöpfung

 

Was die Sünde aus Ehe macht

 

                                                                                Zerbrochene Sexualität lebt aus der BeGIERde

 

 

 

 

Natürlich sind Ehe und Zeugung nicht die einzigen Möglichkeiten, um zu lieben wie Gott liebt. Aber sie sind das ursprüngliche Vorbild.
Aufgrund des Einzugs der Sünde in die Welt, ist die Begierde zu einem ständigen Begleiter von uns geworden. Jesus sagt im Matthäusevangelium: „Ihr wisst, dass es heißt: Du sollst nicht die Ehe brechen! Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau mit begehrlichem Blick ansieht, hat damit in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ Leider passt hier die Übersetzung nicht in meinen Duktus. Statt begehrlichem Blick, müsste hier begierlichem Blick stehen. Dann würde deutlich, was Jesus an dieser Stelle mMn. eigentlich sagen will: nämlich dass dann, wenn ein Mann eine Frau (und sei es seine Ehefrau) mit begierlichem Blick – also als Objekt – betrachtet, dann hat er die Ehe gebrochen. Denn dann hat er das Geheimnis, das Gott in die Ehe gelegt hat, verdreht. „Wie der Papst bemerkt, begeht ein Mann nicht nur dadurch „Ehebruch im Herzen“, dass er eine Frau lüstern ansieht, mit der er nicht verheiratet ist, „sondern deswegen, weil er eine Frau gerade so anblickt. Auch wenn er seine Ehefrau so anblickte, würde er ebenfalls „im Herzen“ Ehebruch begehen.“8

Dies ist eine harte Rede aus dem Munde Jesu. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Jesus nicht in die Welt gekommen ist um zu richten, sondern um zu retten! Jesu Worte sollen uns also nicht verurteilen, sondern verdeutlichen auf welches Ziel hin wir hinarbeiten sollen.
Das Leben im Paradies war paradiesisch. Es gab alles was man brauchte. Die gegenseitige Liebe war vollkommen. Doch dann passiert etwas, dass alles verändert. Der Teufel spricht in Gestalt der Schlange mit der Frau und weckt in ihr Misstrauen gegenüber Gott. Eva beginnt daran zu zweifeln, dass Gott es wirklich gut mir ihr (und Adam) meint. Und so kommt es dazu, dass der Mensch nach dem greift, was Gott ihm nicht gegeben hatte – weil Gott ihn davor schützen wollte. Adam und Eva sterben zwar nicht körperlich – ganz so wie es die Schlange gesagt hatte – aber sie sterben geistlich, weil sie das verlassen, was Gott für sie vorgesehen hatte. Aus dem sich in der Sexualität gegenseitigen Schenkens, wird das gegenseitige ergreifen und begieren! So wie die Frucht begiert wurde.

Einen interessante Variante dazu, bietet der Film „Avatar“ . Dort sagen die Ureinwohner des fremden Planeten Pandora, die Na´vi zueinander:“Ich sehe Dich“ um eine besondere Beziehung zum Ausdruck zu bringen. Ich sehe Dich – Dich als Person, nicht als jemand der mir was bietet. Ich sehe Dich – als mein Gegenüber, als Gleichwertigen. Ich sehe Dich – bedeutet ich akzeptiere Dich, ich nehme Dich an wie Du bist. Darin kommt die biblische Grundhaltung zum Ausdruck, die ich versucht habe in den vorherigen Ausführungen zu verdeutlichen, das sich gegenseitige „Verschenken“.

Ethik oder Ethos?

„Ethik ist eine äußere Norm oder Regel – „tu dies“, „tu jenes nicht“. Ethos bezieht sich auf das innere Wertesystem eines Menschen, auf das, was ihn tief im Herzen anzieht oder abstößt.“9
Was Jesus will, ist dass unser Ethos dem Seinen entspricht. Die Veränderung unseres Sinnes ist möglich durch die Tat Jesu am Kreuz und die Kraft des Heiligen Geistes. Wie Paulus in Römer 12 schreibt: „Richtet euch nicht länger nach den Maßstäben dieser Welt, sondern lernt, in einer neuen Weise zu denken, damit ihr verändert werdet und beurteilen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob Gott Freude daran hat und ob es vollkommen ist.“ (Vers 2)
Der Versuch Regeln einzuhalten, die unserem Wesen entgegen stehen, kann auf Dauer nur scheitern. Für eine gewisse Zeit, kann das als Notnagel dienen – aber die Entwicklung muss weitergehen. Es geht doch darum, dass unser Wollen immer mehr dem gleich werden soll, was Jesus will. Dann wird das Gesetz kein Verbot, sondern eine Freude.
Der Galaterbrief verdeutlicht dies: „…Lasst den Geist Gottes euer Verhalten bestimmen, dann werdet ihr nicht mehr den Begierden eurer eigenen Natur nachgeben. Denn die menschliche Natur richtet sich mit ihrem Begehren gegen den Geist Gottes, und der Geist Gottes richtet sich mit seinem Begehren gegen die menschliche Natur. Die beiden liegen im Streit miteinander, und jede Seite will verhindern, dass ihr das tut, wozu die andere Seite euch drängt. Wenn ihr euch jedoch vom Geist Gottes führen lasst, steht ihr nicht mehr unter der Herrschaft des Gesetzes.“ (Gal. 5, 16-18) Wie dies in der Praxis aussehen kann ist ein eigenes Thema. Christopher West hat in seinem Buch: Theologie des Leibes für Anfänger auf den Seiten 62 – 71 wesentliches zusammengefasst.

Pornografie und angemessene Darstellung von Nacktheit

„Pornographische Abbildungen des Körpers sind „nicht wegen ihres Gegenstandes [abzulehnen] – denn der menschliche Körper an sich besitzt immer eine unveräußerliche Würde – sondern wegen der Qualität bzw. der Art und Weise der Reproduktion. […] Der Pornograph zielt nur darauf ab beim Betrachter Begierde zu erwecken, während der wahre Künstler (wie zum Beispiel Michelangelo) uns hilft, „ das personale Gesamtgeheimnis des Menschen“ zu sehen. Angemessene Darstellungen des nackten Körpers lehren uns „gewissermaßen jene Bedeutung des Leibes für die eheliche Verbindung der beiden Geschlechter, die Entsprechung und Maß der Reinheit des Herzens ist“10

Ehe – Sex – ewiges Leben

Im Matthäusevangelium 22,23 ff macht Jesus den Sadduzäern deutlich, dass sie keine Ahnung von der Ewigkeit haben. Denn der Mensch wird sehr wohl leiblich auferweckt, aber „nach der Auferstehung [werden] die Menschen nicht mehr heiraten […] (Vers 30) Das bedeutet nichts anderes, als dass nach der Auferstehung, das ursprüngliche Ziel der ehelichen Vereinigung nicht mehr nötig ist, weil wir am Ziel angelangt sind. „…wenn Gott die Vereinigung der Geschlechter als Vorgeschmack auf den Himmel geschaffen hat, sagt Christus: „Du brauchst nicht mehr einen Vorgeschmack auf den Himmel, wenn du schon im Himmel bist!“11

Zölibat

Im Matthäusevangelium 19 sagt Jesus: „Manche sind nämlich von Geburt an zur Ehe unfähig, manche werden durch den Eingriff von Menschen dazu unfähig gemacht, und manche verzichten von sich aus auf die Ehe, um ganz für das Himmelreich da zu sein. […]“ Wie ist das zu verstehen? Wenn die eheliche Verbindung auf die ewige Gemeinschaft hinweist, auf die wir „zu leben“. Dann ist der Zölibat eine Vorwegnahme dieser ewigen Gemeinschaft. „In gewisser Weise überschreitet der zölibatäre Mensch die Dimension der Geschichte – obgleich er noch in der Dimension der Geschichte lebt – und verkündet der Welt, dass „das Reich Gottes nahe ist“; die endgültige Ehe hat begonnen.“12
Der freiwillige Verzicht auf die Ehe in dieser Welt, weist uns auf das endgültige Ziel und den Sinn von Sexualität hin. Beides: Ehe und Ehelosigkeit sind eine Gnadengabe Gottes. Die Ehe weist den Ehelosen darauf hin, dass auch in der Ehelosigkeit Frucht das Ziel ist – das sind geistliche Früchte. Die Ehelosen weisen die Ehepaare darauf hin, dass ihre Ehe eine Vorwegnahme der zukünftigen Ehe ist – das ist die Gemeinschaft mit allen Heiligen und Gott.

Ehe – das Bild für die Einheit von Jesus und den Heiligen (der Kirche)

Im Epheserbrief 5 wird das Verhältnis von Mann und Frau in einer Ehe auf erstaunliche Weise beschrieben. „Ordnet euch einander unter, tut es aus Ehrfurcht vor Christus! Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter! Ihr zeigt damit, dass ihr euch dem Herrn unterordnet. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, genauso wie Christus das Haupt der Gemeinde ist – er, der sie errettet und zu seinem Leib gemacht hat. Und wie die Gemeinde sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern in allem unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen! Liebt sie so, wie Christus die Gemeinde geliebt hat: Er hat sein Leben für sie hingegeben, um sie zu seinem heiligen Volk zu machen. Durch sein Wort hat er den Schmutz ihrer Verfehlungen wie in einem reinigenden Bad von ihr abgewaschen. Denn er möchte sie zu einer Braut von makelloser Schönheit machen, die heilig und untadelig und ohne Flecken und runzeln oder irgendeine andere Unvollkommenheit vor ihn treten kann. Genauso sind nun auch die Männer verpflichtet, ihre Frauen zu lieben und ihnen Gutes zu tun, so wie sie ihrem eigenen Körper Gutes tun, tun sich damit selbst was Gutes. Ein Mann, der seine Frau liebt und ihr Gutes tut, tut sich damit selbst etwas Gutes. Schließlich hat noch nie jemand seinen eigenen Körper gehasst; vielmehr versorgen wir unseren Körper mit Nahrung und pflegen ihn, genau wie Christus es mit der Gemeinde macht – mit seinem Leib, dessen Glieder wir sind. Deshalb, so heißt es in der Schrift, wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und sich mit seiner Frau verbinden, und die zwei werden ein Leib sein. Hinter diesen Worten verbirgt sich ein tiefes Geheimnis. Ich bin überzeugt, dass hier von Christus und der Gemeinde die Rede ist. Doch die Aussage betrifft auch jeden von euch ganz persönlich: Jeder soll seine Frau so lieben, wie er sich selbst liebt, und die Frau soll ihrem Mann mit Ehrerbietung begegnen.“ (Verse 21-33)
Dieser Text ist schon so oft für die Interessen der Männer missbraucht worden, dass es nicht einfach ist, seine wahr Bedeutung zu entdecken. Zunächst ist fest zu halten, dass der Beginn heißt, dass jeder sich dem anderen unterordnen soll. Der Mann der Frau und die Frau dem Mann. Dann setzt der Schreiber an den Schwächen der Geschlechter an. Den (Ehe-)Frauen wird die Unterordnung unter ihren (Ehe-)Mann befohlen. Den (Ehe-)Männern wird befohlen ihre (Ehe-)Frau zu lieben. Es ist die Grundtendenz vieler Frauen, ihren Mann manipulieren, beherrschen zu wollen. Und es ist eine Grundtendenz vieler Männer, dass sie ihrer Frau nicht so Lieben, wie es vor Gott gut und richtig wäre. Unterordnen meint in diesem Zusammenhang Hingegeben. So wie Jesus sich für die Gemeinde hingegeben hat, so sollen sich die Frauen ihren Männern hingeben und so wie Jesus seine Gemeinde liebt, so sollen die Männer ihre Frauen lieben (und ihnen dienen). In dem „ein Leib sein“ verbirgt sich der tiefere Sinn der Ehe und der Geschlechtlichkeit, sie ist Ausdruck dessen was Jesu Ziel mit uns ist. Innige, hingegebene und selbstlose Gemeinschaft. Das hat überhaupt nichts mit Vorherrschaft zu tun.

Fragen

Viele Fragen bleiben offen. Nicht alles kann in diesem Beitrag so ausgeführt werden, dass es in allen Einzelheiten deutlich wird, was und wie es gemeint ist. Aber viele offene Fragen lassen sich mit einer Gegenfrage beantworten: „Spiegelt dieser Akt tatsächlich Gottes freie, uneingeschränkte, treue und fruchtbare Liebe wider oder nicht?“13
Wenn wir also Fragen, wie ist das mit Selbstbefriedigung, Verhütung oder Homosexualität bewegen, dann hilft es uns, wenn wir diese Fragen unter der obenstehenden betrachten. Das hieße dann: Ist Selbstbefriedigung etwas, dass Gottes frei, uneingeschränkte, treue und fruchtbare Liebe widerspiegelt oder nicht?

Fazit

Für mich waren die Erkenntnisse aus der Theologie des Leibes regelrechte Scheunentore, die in meinem Verständnis geöffnet wurden. Es wird sehr schnell deutlich, dass KEINER sich in diesen Fragen als fehlerlos bezeichnen kann. Das macht es vielleicht etwas einfacher, auch Themen miteinander an zuschauen, die in der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden oder die einem selber „Schwierigkeiten“ machen. Mir selber ging es so, dass ich dabei durchaus zu Ergebnissen kam, die mir gar nicht passten. Natürlich kann man diese Theologie auch grundsätzlich in Frage stellen. Ich finde sie sehr gut durchdacht und theologisch stichhaltig. ABER natürlich gilt: Jesus ist gekommen um zu retten – uns auf den rechten Weg zu leiten – nicht um uns zu verurteilen. In allen Fragen des christlichen Lebens geht es darum, dass wir uns auf den Weg machen. Stillstand ist die eigentliche Sünde. Auf dem Weg sein, schließt Scheitern, Umwege und Irrwege nicht aus – aber das Bemühen das Ziel zu erreichen ein.

Zitate:

1 Eine Revolution, die sich an der Bibel orientiert von Konstantin Mascher, S.2
2 Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger, S.18
3 Der Papst spricht natürlich ausschließlich von der Eucharistie, ich habe mir erlaubt, dies auf das Abendmahl zu erweitern, weil ich der Meinung bin, dass dies dort auch gilt.
4 Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger, S.29f
5 Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger, S.38
6 Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger, S.40
7 Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger, S.42
8 Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger, S.50
9 Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger, S.56
10 Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger, S.65
11 Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger, S.75
12 Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger, S.88
13 Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger, S.120

Biblezitate sind kursiv und aus der Luther 1984 oder der Einheitsübersetzung entnommen.