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Ethisch verantwortlich leben – geht das überhaupt?

Vor kurzem hatte ich mit meiner Frau und zwei befreundeten Ehepaaren einen netten Abend zusammen. Dabei hat sich ein Gespräch über unsere persönliche Verantwortung in sozialen, ökologischen und sonstigen ethischen Fragen entwickelt. Das hat mich animiert, einen kleinen Blogbeitrag zu schreiben.

Es gibt sicherlich so viele Antworten auf die Frage, ob ethisch verantwortlich leben möglich ist oder nicht, bzw. was ein ethisch verantwortliches Leben eigentlich ist, wie es Menschen auf der Erde gibt. Dabei finde ich es wichtig zu bedenken, dass vermutlich 3/4 der Menschheit die Frage gar nicht verstehen, oder nicht beantworten können/wollen, weil sie sich den Luxus über diese Frage nach zu denken, überhaupt nicht leisten können. Sie sind vollauf damit beschäftigt, die Grundbedürfnisse des eigenen Lebens und das ihrer Familie zu befriedigen. Auf der anderen Seite heißt das aber, dass 1/4 der Menschheit in der Lage sein sollte, darauf eine Antwort zu geben – wir sind also in einer wirklich luxuriösen Situation. Die Zahlen sind nur meine persönlichen Schätzungen – aber ich denke es trifft in etwa die Größenverhältnisse.

Ich will mich der Frage nach ethisch verantwortlichem Leben so nähern, dass ich die einzelnen Bereiche etwas „beleuchte“, bevor ich meine persönliche Meinung und „Lösung“ des Problems darstellen werde. [Lösung in “ weil es keine wirkliche Lösung gibt]

Ökologisch verantwortlich leben: Da geht es um Fragen wie: Darf man mit dem Flugzeug  fliegen? oder sollte man nur Urlaub auf Balkonien machen oder mit der Bahn oder mit dem Fahrrad? Ist es in Ordnung mit dem Motorroller zur Arbeit zu fahren, oder sollte es mit dem Bus – oder wenn man es nicht so weit hat – mit dem Fahrrad sein? Darf mein Strom nur aus erneuerbaren Energien bestehen, oder ist ein Mix auch in Ordnung? Wie stark sollte ich meinen Müll trennen? usw. Selbst wenn man auf diese Fragen genau weiß, wie die Antwort lauten sollte, ist noch nicht geklärt, ob das dann auch wirklich ökologisch das Beste ist. Strom aus Wasserkraft z.B. ist problematisch, weil damit unter Umständen Tierbestände gefährdet werden. Strom aus Windkraft wird vor allem dort produziert, wo der Strom gar nicht gebraucht wird (Offshore Parks auf dem Meer), also braucht man gute Starkstromleitungen, die den Strom dorthin bringen, wo er benötigt wird. Das wiederum stört die Naturschützer, die keine Hochspannungsleitungen durch bestimmte Gebiete akzeptieren wollen. Vor einigen Jahren wurden alle Plastik-Einweggeschirr auf Festen verboten. Das galt als unökologisch! und die Festlesbetreiber mussten umstellen, und einen Waschwagen anschaffen, mit dem das Mehrweg-Geschirr gespült werden konnte. Irgendwann ist jemand auf die Idee gekommen, mal genauer nach zu schauen: Wasserverbrauch, Spülmittel, Energie für das Aufheizen der Spülmaschine – gegenüber der Energie und den Rohstoffen um Einweggeschirr herzustellen. Und was kommt raus? In der sogenannten Ökobilanz ist Einweggeschirr sparsamer als Mehrweg! Auch die Frage, ob – und wenn ja wie viel Fleisch man als ökologisch verantwortlicher Mensch essen darf, müsste angeschaut werden. Schließlich verursachen die „Rindviecher“ große Mengen Methan, das mit für die Klimaerwärmung verantwortlich sein soll.
Natürlich ist klar, dass ein Flugzeug die Atmosphäre stärker belastet, als ein Zug – oder selbst ein Auto. Von daher wäre es sicherlich einleuchtend, für kürzere Strecken kein Flugzeug zu nehmen. Aber wenn die Zugfahrt teurer ist, als der Flug – dann denkt man einfach noch mal drüber nach – und klar, da kann doch was nicht stimmen. Bei aller Ökologieliebe, dürfen und können ökonomische Faktoren nicht völlig ausgeblendet werden.
Heute nehmen wir alle als selbstverständlich an, dass es die Klimaerwärmung gibt. Und tatsächlich gibt es viele Fakten, die dafür sprechen. Andererseits behaupten Wissenschaftler, dass die Erde schon einige Millionen Jahre alt sei – unsere Daten erfassen aber gerade mal 100 – 150 Jahre, daher muss man zugeben – selbst dieser sicher angenommene Worst Case, ist nur bedingt sicher – wir wissen Vieles einfach nicht – wir können nur vermuten! Und es ist eine offene Frage, z.B. wie reagiert die Natur auf Erwärmung letztlich? Vielleicht ganz anders, als wir es im Moment vermuten.
Bitte nicht falsch verstehen – ich behaupte nicht, dass es die Klimaerwärmung nicht gibt, auch nicht, dass es egal ist ob wir mit dem Flugzeug fliegen oder mit dem Fahrrad fahren. Ich versuche nur deutlich zu machen, dass die ganzen Dinge sehr komplex sind und einfach Antworten nur bedingt zu richtigen Handlungen führen. Ich habe mich vor einigen Jahren entschlossen, meine Mitgliedschaft beim ADAC zu beenden und Mitglied beim VCD zu werden. Der VCD ist ein „alternativer“ Verkehrsclub und versucht Mobilität nicht nur unter Auto Gesichtspunkten zu sehen und gleichzeitig eben auch andere Mobilitäten bzgl. ihre Ökologie zu bewerten. Grundsätzlich gefällt mir der Ansatz – auch wenn ich in der Praxis oftmals überhaupt nicht damit einverstanden bin, welche Schlussfolgerungen die Verantwortlichen des VCD´s ziehen. Ich folgere daraus: Man kann man trotz übereinstimmender Grundüberzeugung zu unterschiedlichen praktischen Ergebnissen kommen.

Sozial verantwortlich leben: Das sind Fragen wie: Welches T-Shirt kaufe ich? Wenn es sehr billig ist, unterstütze ich dann Kinderarbeit? Welchen Kaffee? Nur aus dem Weltladen, oder wenigstens mit einem Fairtrade Zeichen? Welche Turnschuhe? Sind die nicht meistens unter schlimmen Bedingungen gefertigt? Wie lege ich mein Geld an? Dürfen meine Fonds Aktien von einer Firma enthalten, die z.B. Waffen herstellt oder  vertreibt? Wie ist das mit Bettlern in der Stadt? Bekommen die nicht alle einen Tagessatz, der ausreichen müsste um zu überleben? Reicht das Überleben, oder sollte es schon etwas mehr sein? Wie ist das mit Hartzern (das sind die, welche Hartz IV bekommen – also die „Grundsicherung“)? Haben diese Leute nicht auch ein Recht darauf, sich was leisten zu können? Oder sollten sie dankbar sein, dass sie nicht betteln gehen müssen? Sollten Zeitarbeitsfirmen abgeschafft werden, weil sie moderne Sklaverei sind – Hungerlöhne zahlen – oder sind sie ein Segen, weil so Leute Arbeit bekommen, die sonst keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätten?
Auch beim sozial verantwortlich leben ist die Frage nach Fleisch und ob und wie viel man davon essen darf wichtig, da auf der Fläche, die für Futter benötigt wird, eben kein Menschenessen angebaut werden kann. So werden Zahlen von bis zu 16 kg Getreide gehandelt, die für die Produktion von 1Kg Fleisch notwendig sein sollen.

Ich glaube, dass der Versuch ökologisch und/ oder sozial verantwortlich zu leben, nicht vollständig gelingen kann. Er scheitert an der Komplexität der Sache, an persönlichen Einschränkungen, oder einfach daran, dass man sich einigen Dingen in Deutschland einfach nicht entziehen kann. Denn als Teil des Systems bin ich auch für Fehlverhalten des Systems mit verantwortlich – profitiere ich aus Entscheidungen, die nicht ökologisch sind, nicht sozial gerecht – ob ich das will oder nicht. Ich bin aber davon überzeugt, dass es möglich ist, christlich verantwortlich zu leben. Christlich verantwortlich zu leben, hat eine ökologische und soziale Komponente, und noch ein wenig mehr.

Was es für mich heißt, christlich verantwortlich zu leben:

Christlich verantwortlich leben heißt für mich: dass ich mein Leben in der Verantwortung gegenüber Gott lebe, und ist m.M.n. die einzige wirklich lebbare Variante – ethisch sinnvoll zu leben. Christlich verantwortlich leben bedeutet, dass ich die Fragen des Lebens, des Alltages, was mir so begegnet und/ oder bewegt, ins Gespräch mit Gott nehme. Aus diesem Gespräch (Bibellesen, Gebet, Predigt hören, …) ergeben sich Punkte des sozialen und ökologischen Gewissens, die mir wichtig werden. Und wenn sie mir wichtig werden, und nur dann, dann bin ich gefragt zu handeln.
Das bedeutet, dass das, wie ich selber lebe  – wo ich meine Schwerpunkte setze – nicht auf andere Christen übertragen kann – und dass ich auf der anderen Seite auch nicht verpflichtet bin – alles und jedes zu prüfen….sondern eben im Gespräch und in Offenheit gegenüber Gott so handle, wie ich es meine von Gott her zu hören.
Es kann sein, dass es Christen gibt, die sich total auf ökologische Verantwortung konzentrieren und in besonderer Weise darauf achten, hier vorbildlich und korrekt zu handeln, soweit das möglich ist. Andere kümmern sich um soziale Verantwortung in der Welt und kaufen z.B. nur Kleidung, die so produziert wurde, dass bestimmte Grundregeln dabei eingehalten worden sind. Hier sei die sehr gute Micha – Initiative erwähnt, welche sich gegen Armut und für Gerechtigkeit in der Welt einsetzt. Wieder andere Christen kümmern sich weder um das eine noch das andere, sondern legen ihren Schwerpunkt darauf für verfolgte Glaubensgeschwister einzutreten. KEINER kann sich um alles „kümmern“, denn dann ist die Zeit mit prüfen und kontrollieren gefüllt, und es bleibt keine Zeit mehr für das praktische Handeln. Das soll aber nicht heißen, dass uns die anderen Dinge egal sein dürfen – es soll nur heißen, dass die Offenheit dafür, was Gott mir wichtig macht wichtig ist und nicht dass man in allen Dingen alle möglichen Verwicklungen im Blick haben muss. So finde ich meine Glaubensgeschwister gut und profitiere auch von dem, was sie wissen und wie sie leben, die sich ökologischen oder sozialen Fragen in besonderer Weise „widmen“. Das verändert mein eigenes Verhalten natürlich – aber eben nur in einigen Punkten und eben nicht so restriktiv. Mir ist die persönliche Zuwendung zu den benachteiligten unserer Gesellschaft besonders wichtig, nicht nur weil es mein Job ist – es ist mir eine Lebensberufung von Gott her! Ich erwarte, dass meine Glaubensgeschwister die Notwendigkeit und Richtigkeit dieses Tuns erkennen – vom Evangelium her – aber ich erwarte nicht, dass sich alle meine Glaubensgeschwister nun den benachteiligten unserer Gesellschaft zuwenden, indem sie z.B. in meinem Jugendhaus mitarbeiten. Genauso wenig dürfen die Anderen erwarten, dass ich mich ökologischen oder sozialpolitischen Dingen so energisch widme wie sie es tun – aber dass ich die Richtigkeit und Notwendigkeit dieses Tuns erkenne, respektiere und davon auch profitiere – das dürfen sie natürlich erwarten.

Jesus sagt nicht umsonst: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“ und nicht: „Liebe ALLE Anderen wie Dich selbst“.

Denn zum einen geht es Jesus um die konkrete Liebe – nicht um die theoretische – denn es ist einfach einen fremden Menschen zu „lieben“ ohne dass es konkret werden muss – als meinen Kollegen im Büro, der mich nervt und wo es sich zeigen muss, was meine Liebe wert ist. Zum Anderen würde uns das „Alle lieben“ auch überfordern, weil es einfach zu viele sind.

Doch dort wo ich Ungerechtigkeit begegne, bin ich als Christ natürlich aufgefordert zu handeln – da muss ich nicht erst Jesus darüber befragen – wenn auch die Art des Handeln sehr unterschiedlich aussehen kann.

Jesus ist unser Richter! Vor IHM verantwortungsvoll zu leben, das ist es, worauf es ankommt.