Deutschland Deine Ängste…

Ein Jahr Flüchtlingskrise, ein Jahr Refugees welcome, ein Jahr wir schaffen das! Zeit für einen Blogbeitrag zu diesem Thema.

Vor etwa einem Jahr, ist es passiert. Tausende Flüchtlinge, versuchen über die sogenannte Balkanroute Richtung Norden zu kommen. Angela Merkel gibt am ersten Septemberwochenende die Anweisung, die Grenze zu öffnen und die Menschen einreisen zu lassen. Doch was allgemein der Beginn der Flüchtlingskrise genannt wird, ist genau genommen nur eine Dynamisierung.

Eine Wortwolke zum Blogbeitrag
Eine Wortwolke zum Blogbeitrag

Aber zunächst einmal ein etwas genauerer Rückblick.

Die „Vorgeschichte“:

Die Flüchtlingskrise gibt es bereits sehr lange. Nämlich spätestens seitdem immer mehr Menschen aus Afrika ihr Leben riskieren um nach Europa zu kommen. Die Bilder von Flüchtlingen, die aus Booten oder aus dem Mittelmeer gerettet werden, genauso wie die Berichte von vielen Toten beim Versuch das Mittelmeer zu überwinden, erreichen Deutschland – aber es ist dennoch alles sehr weit weg. Das ist doch das Problem der Italiener, so scheint die Haltung in Berlin zu sein. Gleichzeitig verschwendet die Politik in Europa kaum einen Gedanken daran, wie die diese Fluchtbewegung verhindert, oder zumindest kanalisiert werden kann. Als dann der Krieg in Syrien ausbricht, und Europa weder einen Plan für eine Lösung hat, dynamisiert sich die Situation. Nach fast vier Jahren Bürgerkrieg sind Millionen Syrer aus ihrer Heimat geflohen. Viele in den Libanon und nach Jordanien, die allermeisten aber in die Türkei. Doch die Unterstützungsbereitschaft der EU für diese Länder ist marginal. Die Zustände in den Flüchtlingslagern sind menschenunwürdig. Und so machen sich immer mehr auf den Weg in Richtung EU. Und da viele Inseln nahe des türkischen Festlandes zu Griechenland gehören, ist der Weg gar nicht so weit. Schlepper verdienen sich eine goldene Nase. Griechenland ist dem Zustrom schon bald nicht mehr gewachsen – zumal die griechische Regierung sich auch noch mit vielen weiteren Problemen herumschlagen muss.

Die Reaktion der Bundeskanzlerin. Der Versuch einer chronologische Abfolge1
31. Dezember 2014, Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin:

„Folgen Sie denen nicht, die dazu aufrufen. Denn zu oft sind Vorurteile, ist Kälte, ja sogar Hass in deren Herzen. (…) Es ist selbstverständlich, dass wir Menschen aufnehmen, die bei uns Zuflucht suchen.“

Diese Sätze sind in Richtung der sog. Pediga Demonstrationen gerichtet, die vor allem im Osten Deutschlands großen Zulauf erhalten.

15. Juli 2015: Bürgerdialog in Rostock:

„Und wenn wir jetzt sagen: Ihr könnt alle kommen und Ihr könnt alle aus Afrika kommen (…) Das können wir auch nicht schaffen. (…) Politik ist manchmal hart. Es werden manche wieder zurückgehen müssen.“

Diese Sätze sagt Frau Merkel, nachdem beim Bürgerdialog ein palästinensisches Mädchen in fließendem Deutsch von ihrer Angst vor der Abschiebung ihrer Familie berichtet und in Tränen ausbricht. Frau Merkel streichelt der Schülerin zwar tröstend die Wange. Doch mit ihren anschließenden Ausführungen macht sie deutlich, wie kompliziert die Sache ist. Für ihre Worte, wird Frau Merkel scharf kritisiert werden.

31. August 2015, Sommerpressekonferenz in Berlin:

Immer mehr Flüchtlinge strömen Richtung Europa. In Griechenland füllen sich die Unterkünfte. Und von dort aus machen sich viele über die Balkanroute auf den Weg Richtung Österreich, Deutschland, Großbritannien und Skandinavien. Die sog. Flüchtlingskrise ist das beherrschende Thema in Deutschland. Eine große Hilfsbereitschaft mit vielen Freiwillige versucht den Neuankömmlingen zu helfen. Gleichzeitig wächst auch bei vielen Menschen die Sorge, Deutschland könnte mit dem Zustrom überfordert sein. Frau Merkel sagt dazu:

„Wir stehen vor einer großen nationalen Aufgabe. (…) Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das! Wir schaffen das, und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden.“

5. September 2015, Interview mit der Funke Mediengruppe:

Am diesem ersten Septemberwochenende, gibt Frau Merkel die Anweisung, die Grenzen zu öffnen und die Flüchtenden einreichen zu lassen. Auslöser ist, dass immer mehr Flüchtlinge, über sog. Balkanroute Richtung Norden strömen, und teilweise unter unhaltbaren Bedingungen im Freien übernachten müssen. Die Folgen sind vor allem in Süddeutschland zu spüren. In großer Eile müssen Unterkünfte bereitgestellt werden. Schnell ist von einer Begrenzung der Zuwanderung die Rede. Doch die Kanzlerin wendet sich klar gegen eine Politik der Abschottung. Sie erteilt ihren Kritikern eine Absage und fordert europäische Solidarität.

„Eine Beschränkung der Zahl der Asylbewerber kennt das Grundrecht auf politisches Asyl nicht. (…) Es ist erkennbar, dass derzeit die Registrierung der Flüchtlinge in den Ländern an der Außengrenze der EU nicht funktioniert. Genauso wenig ist zu übersehen, dass die allermeisten Flüchtlinge letztlich in einigen wenigen Ländern ankommen.“

15. September 2015, gemeinsamer Auftritt mit Österreichs Kanzler Werner Faymann in Berlin:

Nachdem Angela Merkel ein Aufnahmelager besucht hat, und Selfies der Kanzlerin mit dankbaren Flüchtlingen die Runde machen, heißt es, Merkel habe mit den Selfies weitere Flüchtlinge geradezu eingeladen, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen. Merkel antwortet darauf:

„Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land. (…) Ich sage wieder und wieder: Wir können das schaffen, und wir schaffen das.“

In der Folge äußert sich die Bundeskanzlerin immer wieder zu ihrer Politik und ihrer Überzeugung.

Unter Anderem am 7. Oktober 2015, bei der ARD-Talkshow „Anne Will“: „Man kann mit Willen sehr, sehr viel schaffen. (…) Ja, ich habe einen Plan. (…) Die Diskussion bedrückt mich fast. Sie können mir glauben dass ich beschäftigt bin. Ich bin bereit, so hart zu arbeiten, wie ich kann.“

oder am 20. November 2015, beim CSU-Parteitag in München: „Abschottung und Nichtstun sind keine Lösungen. Indem wir die Grenzen schützen, retten wir Leben – und wir werden die Zahl der Flüchtlinge reduzieren. Mit diesem Ansatz schaffen wir es, im Gegensatz zu nationalen Obergrenzen, im Interesse aller zu handeln – im Interesse Europas, der Helfer im Inland und der Flüchtlinge.“

und am 14. Dezember 2015, beim CDU-Parteitag in Karlsruhe: „Wir schaffen das. Ich kann das sagen, weil es zur Identität unseres Landes gehört, Größtes zu leisten. Abschottung im 21. Jahrhundert ist keine vernünftige Option. (…) Wir sind nie blauäugig. Doch genauso lassen wir es nie zu, dass Ängstlichkeit und Pessimismus uns am erfolgreichen Handeln für die Zukunft hindert.“ (…) Es kommen keine Menschenmassen, sondern es kommen einzelne Menschen zu uns. Niemand, egal warum er sich auf den Weg macht, verlässt leichtfertig seine Heimat.“

Doch die Frage, der ich mich in meinem Blogbeitrag widmen will ist ja vielmehr diese: war die Öffnung der Grenzen, und die – zunächst – Bedingungslose Aufnahme der Flüchtlinge richtig?

Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort – und wer eine einfache Antwort gibt, wird meiner Meinung nach der Komplexität der Sache keinesfalls gerecht. Man muss dazu bereit sein verschiedenen Ebenen anschauen und in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen.

Aus Sicht der Menschlichkeit war Merkels Grenzöffnung absolut richtig. Wer sein Herz vor Menschen in Not verschließt, ist ein armer Mensch. Wäre einer von uns, damals im September 2015 auf der Flucht vor Krieg und Elend gewesen,  wer von uns hätte es nicht für gut befunden, dass Deutschland seine Grenzen öffnet? Oder wer wäre nach vier Jahren in einem Flüchtlingslager nicht dankbar gewesen, wenn ein Land ihm anbietet eine – zumindest vorläufige – neue Heimat zu finden? Ich halte die Grenzöffnung von diesem Aspekt her für absolut richtig. Und ich bin überzeugt, dass dieses Verhalten für Deutschland noch von großem Wert sein wird. Denn es ist überall auf der Welt wahrgenommen worden. Deutschland hat – endlich mal wieder – sein freundliches Gesicht gezeigt.

Wenn man jedoch an die Rechtsstaatlichkeit denkt, dann war Merkels Grenzöffnung zumindest stark bedenklich. Das bestehende Recht – nämlich, dass Flüchtlinge registriert werden müssen, wenn sie nach Europa kommen – wurde ausgesetzt. Das hat Betrügern, Verbrechern und Terroristen die Einreise nach Deutschland sehr erleichtert. Inzwischen scheint es so, dass die allermeisten Flüchtlinge registriert worden sind. Das war allerdings nur möglich, weil verhindert wurde, dass weiterhin so viele Flüchtlinge kommen, wie das in den ersten Monaten nach der Grenzöffnung der Fall war.

Deutschlands Ängste

Die mit der Grenzöffnung einsetzende Welle an vielen Flüchtlingen – es sollen ungefähr eine Million innerhalb von vier Monaten gewesen sein – löst bei vielen in Deutschland lebenden Menschen Ängste aus. Dabei sind die Ängste ganz unterschiedlicher Natur. Wenn man die Zahl eine Million Flüchtlinge hört, dann ist das eine gewaltige Zahl. Da sind die ängstlichen Fragen verständlich:

Wo sollen diese Menschen alle hin? Sind die jetzt auch noch Konkurrenten um wertvollen Wohnraum (zumindest in vielen Städten in Westdeutschland ein Problem) Wie sollen wir diese Menschen verpflegen? Bekommen die Flüchtlinge vielleicht mehr als ein deutscher Hartz 4 Empfänger? Oder was bedeutet die Hilfsbereitschaft vieler Deutscher für die Flüchtlinge, für die Bereitschaft Deutschen zu helfen, die ebenfalls vom Wohlstand in Deutschland abgehängt sind? Was sind das für Menschen, die da kommen? Wenn so viele Muslime nach Deutschland kommen, was bedeutet das für unser Rechtssystem? Was bedeutet es für unsere Kinder, die Schulen, die Demokratie? Sind darunter vielleicht Terroristen oder Verbrecher? Warum kommen so viele junge Männer – wo sind die Frauen und Kinder?

Unverständlich finde ich die teilweise lapidaren Kommentare, wenn Menschen solche Ängste äußern. Das hat mich auch schon beim Umgang mit den Pegidaprotesten geärgert. Dass man die Menschen mit ihren Ängsten – so berechtigt oder unberechtigt diese sind – einfach nicht ernst nimmt, sondern im Gegenteil die Menschen als Pack bezeichnet oder pauschalierend als Rechtspopulisten.

Was helfen könnte!

Ein praktisches Beispiel, wie man solche Fragen in guter Weise beantwortet: Ein Freund von mir, der in einer großen Ostdeutschen Stadt lebt, hat einen Verein gegründet der sowohl Flüchtlinge als auch finanziell schwache deutsche Familien unterstützt. Es wird kein Unterschied gemacht, ob jemand als Flüchtling einen Kühlschrank benötigt, oder als Deutscher. Zusätzlich werden Feste und Begegnungen organisiert, wo sich die Deutschen und die Flüchtlinge begegnen können. Er sagt: „Am Anfang hat es geheißen, wir wollen keine Flüchtlinge. Aber als sie gemerkt haben, dass wir sie genauso unterstützen und als sie einzelne Flüchtlinge kennen gelernt haben, ist diese Aussage fast ganz – in unserem Viertel – verschwunden.“2

Was zudem getan werden muss!

Wenn man die Integrationsbereitschaft und Fähigkeit, sowohl auf Seiten der Einwandernden, als auch auf Seiten der schon in Deutschland lebenden Menschen betrachtet, dann muss man wohl zu geben, dass die Integration von einer Million Menschen – auch wenn das nicht mal zwei Prozent der bereits in Deutschland lebenden Bevölkerung ausmacht, eine Herausforderung ist. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Million ja innerhalb kurzer Zeit nach Deutschland gekommen ist, das heißt die gleichzeitige Integration von so vielen Menschen muss angegangen werden. Diese Aufgabe muss auf viele Schultern verteilt werden – auch auf die Schultern der bereits in Deutschland lebenden Menschen mit ausländischen Wurzeln und natürlich auf die eingewanderten Menschen selber. Allerdings darf man auch nicht davon ausgehen, dass alle die jetzt da sind und die noch kommen werden, auch in Deutschland bleiben wollen. Von den ca. 350 000 Flüchtlingen aus dem Jugoslawienkrieg leben nur noch ca. 20 000 in Deutschland.3 Das Wichtigste ist die Sprache. D.h. es müssen hohe Anstrengungen betrieben werden, damit diese Menschen möglichst schnell sich mit der deutschen Sprache verständigen können.

Chancen!

Wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung in Deutschland stetig abnimmt, weil mehr Menschen jedes Jahr sterben, als geboren werden, dann sind eine große Zahl an Zuwanderern begrüßenswert. Es braucht mehr Einzahler in die Sozialversicherung und Rentenversicherung, damit die Belastung für die jüngeren Generationen im Rahmen bleiben. Für viele Aufgaben werden händeringend Leute gesucht, die diese Aufgaben übernehmen – gerade z.B. in der Pflege. Wenn es nun allerdings – zumindest potentiell – mehr Menschen geben sollte, die z.B. bereit wären in der Pflege zu arbeiten, dann muss politisch verhindert werden, dass diese Jobs trotzdem weiterhin so schlecht bezahlt werden. Der Veränderungsdruck muss hoch gehalten werden. Zudem muss natürlich mit Hochdruck daran gearbeitet werden, dass die Flüchtlinge so schnell wie möglich qualifiziert werden. Bzw. wie ihre bereits abgeschlossene Ausbildung in Deutschland anerkannt werden kann.

Deutschland und Europa kann nicht alle Menschen aufnehmen und integrieren, die gerne nach Europa kommen würden. Aber wir (damit meine ich vor allem die EU) könnten noch deutlich mehr aufnehmen, als wir es tun. Dabei muss die Politik darauf achten, dass andere Bevölkerungsgruppen nicht weiter vom wirtschaftlichen Erfolg abgehängt werden. Zudem muss die Politik viel stärker den Menschen vermitteln was sie tut und warum. Die AfD (oder Andere) bei Fernsehdiskussionen zu boykottieren reicht dabei nicht nur nicht aus – sie ist sogar kontraproduktiv.

Natürlich muss es auch unser Ziel sein, möglichst viele Länder zu unterstützen, damit dort gute Lebensbedingungen herrschen. Und Möglichkeiten zu schaffen, dass die Menschen nach Euroopa kommen können, ohne gefährliche Reise über das Mittelmeer und ohne den nächsten Porsche für die Schlepper zu bezahlen. Doch diese Ziel zu erreichen, das ist sicherlich eine Aufgabe für die Ewigkeit.

Die Situation ist weiterhin schwierig.

Was die Zukunft bringt ist ungewiss. Der Flüchtlingspackt mit der Türkei, die Grenzäune an der östlichen Grenze der EU, die auch weiterhin fast täglich aufgelesenen Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer. Das sind alles Themen über die man ganz unterschiedliche denken kann. Gleichzeitig ist eine Lösung nicht einfach, denn die Situation ist sehr komplex. So hat der Flüchtlingspackt mit der Türkei eine deutliche Entlastung für die Situation in Europa gebracht. Aber solange sich die große Mehrheit der EU Staaten weigert, Flüchtlinge in nennenswerter Zahl auf zu nehmen, so lange wird das eine wackelige und auch nicht wirklich befriedigende Situation sein können. Dass es noch immer keine Fortschritte darin gibt, in der Türkei und in Nordafrikanischen Ländern EU Asyl – Antrag/ Registrierungsstellen zu schaffen, wo die Menschen einen Asylantrag stellen können, ohne erst eine riskante Reise z.B. über das Mittelmeer zu wagen, ist aus meiner Sicht eine Schande. Ich kann nur vermuten, dass die Widerstände in vielen EU Ländern zu groß sind, als dass dies im Moment möglich ist. Dass dies richtig wäre – oder zumindest ein Schritt in die richtige Richtung – ist für mich keine Frage.

Noch eine Anmerkung: es ist einfach Dinge zu kritisieren, fehlendes zu benennen. Wir dürfen nicht vergessen immer wieder vor Augen zu führen, was geschafft wurde. Ist Deutschland untergegangen? Geht es Deutschland finanziell schlecht? Nein!

Vielleicht ist Deutschland ein unsicherer Ort geworden – die Anschläge der letzten Wochen haben gezeigt, dass auch Deutschland Ziel der Islamisten ist. Aber das mit der Grenzöffnung in Verbindung zu bringen ist zu einfach. Ganz Europa ist unsicherer geworden und man muss fragen: was wäre anders ohne die Aufnahme von einer Million Flüchtlingen?

Politikerlogig – oder Politikerängste?

Nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, wo die AfD zweitstärkste Kraft geworden ist, wurde fast ausschließlich die Flüchtlingspolitik dafür verantwortlich gemacht. Traurig, dass auch viele CDU Politiker fordern, dass es eine „Wende“ in der Flüchtlingspolitik brauche. Wenn man von etwas überzeugt ist, dass muss man seine Überzeugung den Menschen erklären, darum kämpfen verstanden zu werden und nicht gleich den Schwanz einziehen, wenn die Leute eine andere Partei wählen.

Respekt hatte ich diesbezüglich, als ich Herrn Tauber, den Generalsekretär der CDU kurz nach Schließung der Wahllokale im TV reden hörte. Er forderte klar dazu auf, den Menschen zu vermitteln, was man alles erreicht hat, was man getan hat um den Zustrom zu kanalisieren und zu begrenzen und sich eben nicht den Forderungen der AfD anzubiedern.

Nun möchte ich mich zum Schluß noch aus ganz anderer Sicht, der Flüchtlingsfrage widmen. Eine, die für mich persönlich die Wichtigste ist.

Der Umgang mit Fremden und Flüchtlingen aus biblischer Sicht

Leider merke ich immer wieder, dass selbst Menschen, die ich als Geschwister in Jesus sehe, gegenüber den Flüchtlingen sehr ablehnend gegenüber stehen. Zu viele Muslime, wir können nicht alle retten, wir müssen an uns denken…. Dabei ist Asyl in der Bibel kein Randthema. Und – wie ich die Bibel verstehe – kann man auch keine zwei Meinungen darüber haben. Trotzdem scheint bei einigen Christen die Angst zu überwiegen, anstatt die Chance zu sehen.

Asyl kommt im Alten Testament (AT) wie im Neuen Testament (NT) an vielen Stellen vor. Nur ein paar Stellen die mir sehr schnell einfallen und ein paar die ich besonders wichtig finde:

– Es ist eine Hungersnot, die Abraham nach Ägypten treibt

– Ebenfalls eine Hungsersnot treibt den Sohn Abrahams – Isaak – nach Gerar

– und auch Jakobs Familie zieht, ebenfalls wegen einer Hungersnot nach Ägypten

– Mose flieht nach seinem Mord an einem Ägypter nach Midian, wo er aufgenommen wird und heiratet und eine Familie gründet

– entflohene Sklaven dürfen nach den Geboten der Thora nicht wieder zurückgeschickt werden. Sie dürfen ihren Wohnort frei wählen. (5.Mose 23, 16f)

– Ruth – eine Vorfahrin von Jesus – kommt durch ihre Schwiegermutter nach Israel und wird dort heimisch

Auch bei den biblischen Propheten sind die Fremden ein wichtiges Thema:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! (Jes.58,7) [dieser Vers, könnte sich auch nur auf die eigene Volksgruppe beziehen. Ich persönlich sehe aber keinen guten Grund diesen so zu deuten, sondern verstehe ihn als universell gültig für alle Menschen]

Richtet recht, und ein jeder erweise seinem Bruder Güte und Barmherzigkeit, und tut nicht Unrecht den Witwen, Waisen, Fremdlingen und Armen, und denke keiner gegen seinen Bruder etwas Arges in seinem Herzen! (Sacharja 7,9)

Und ich will zu euch kommen zum Gericht und will ein schneller Zeuge sein gegen die Zauberer, Ehebrecher, Meineidigen und gegen die, die Gewalt und Unrecht tun den Tagelöhnern, Witwen und Waisen und die den Fremdling drücken und mich nicht fürchten, spricht der HERR Zebaoth. (Maleachi 3,5)

In der Thora,

dem wichtigsten Regelbuch der Juden finden sich sehr viele Aussagen zu Fremden und Sklaven, hier nur Eine:

Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott. (3.Mose 19,33)

und beim Blick ins Neuen Testament fallen mir auch sofort einige Geschichten ein:

– die Eltern von Jesus hatten keinen Raum in der Herberge

– die Jesusfamilie flüchtete vor Herodes nach Ägypten

– Über Jesus sagt das Johannesevangelium: „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Johannes 1,11)

– Jesus sagt zu seinen Jüngern, dass sie selber Fremde in dieser Welt seien: „Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.“ (Johannes 15,18f)

– und der Hebräerbrief macht deutlich: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13, 14)

Die beiden letzten Verse machen deutlich – alle die Jesus nachfolgen, sind Fremdlinge in der Welt. Jeder von uns ist ein Ausländer!

Fazit

Der biblische Befund ist eindeutig. Fremde, Menschen in Not sollen aufgenommen und unterstützt werden. Unabhängig von Religion oder Nationalität. Sich dem Fremden öffnen, und seiner Not, das ist ein biblisches Gebot.

Klar ist aber auch, dass diese Hilfsbereitschaft in keiner Weise mit einer Relativierung des eigenen Glaubens einhergehen darf. Der Glaube an den einen Gott Israels ist nicht verhandelbar. Wer Respekt vor dem Fremden und seinen Bräuchen hat, darf auch Respekt einfordern.

Wir können und müssen nicht die Welt retten. Das ist schon geschehen in Jesus! Als Christen sind wir aber aufgerufen, Barmherzigkeit und Liebe mit anderen Menschen zu teilen. Und wir dürfen und sollen mitarbeiten, dass das Reich Gottes sich ausbreiten kann. Viele der Flüchtlinge sind offen für den christlichen Glauben. Wir sollen mutige und glaubhaft Zeugen der Größe Gottes sein. Hilfsbereitschaft hat erst dort seine Grenze, wo ich mich – oder meine Familie – durch meine Hilfsbereitschaft selber hilfsbedürftig mache. Nicht früher, aber auch nicht später. Ängste sind dabei zwar nicht immer zu vermeiden, ja sie sind tatsächlich menschlich. Aber wir sollten uns niemals davon bestimmen lassen. Denn wo Jesu Geist wehr, da ist keine Furcht.

 

Fußnoten:

1 Internetseite aufgerufen am 03.09.2016

2Aus der Erinnerung, sinngemäß. Ein Gespräch vom 23.07.2016

3Berechnung der Uni Bamberg: Internetseite aufgerufen am 03.09.2016

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