Barmherzigkeit – Predigt zu Lukas 6, 36-42

Predigt in der Südkirche, Esslingen-Piensauvorstadt am 19.06.2016

Einleitung:

Als wir den heutigen Predigtext im Mitarbeiterkreis des Makarios gelesen haben und unsere Gedanken miteinander geteilt haben, da war eine Aussage, dass dieser Bibeltext so gehaltvoll sei, dass eigentlich ein Vers genug für eine Predigt wäre.

Im weiteren Sammeln und überlegen, ist uns dann aufgefallen, dass die Verse zwar für sich einzeln gelesen und verstanden werden können, aber dass erst in der Gesamtheit des Textes verstanden werden kann, was Jesus uns hier aufträgt.

Erstmal den Zusammenhang.

Lukas 6 ist ein Kapitel, in dem viele Aussagen Jesu zusammengefasst werden, ähnlich wie in Matthäus 5-7, der sog. Bergpredigt – wir haben den Anfang der Bergpredigt vorhin in der Schriftlesung gehört.

Der Predigttext ist eingebettet in die Seligpreisungen, einige Aussagen zur Feindesliebe und dass gesunde Bäume auch gute Früchte hervor bringen.

Wenn wir das im Gesamtzusammenhang anschauen, dann kann man sagen, dass Jesus zunächst Segen über seinen Jüngern ausspricht (Seligpreisungen), und dann ermahnt! Nämlich, wie sich ein Jünger gegenüber seinen Feinden und gegenüber seinem Nächsten, seinem Mitbruder (Mitschwester) verhalten soll. Abschließen tut Jesus dann mit dem Hinweis, dass wenn wir als seine Jünger Ihm nachfolgen, und damit auch tun, was er uns empfiehlt, dann werden wir auch gute Früchte (gutes Charaktereigenschaften) hervorbringen.

Doch nun will ich ihnen den Predigtext nicht länger vorenthalten:

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. 38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.
39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? 40 Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.
41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? 42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Der erste Vers: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist – gibt den Grundtenor des Textes wieder. Er ist wie eine Überschrift. Was dann folgen, sind praktische Beispiele und Begründungen. Jesus fordert uns auf, barmherzig zu sein – weil auch unser Vater im Himmel barmherzig ist. Und sogar noch mehr: Wir sollen barmherzig sein – so barmherzig, wie unser Vater im Himmel.

Als die ersten Missionare nach Germanien kamen, und versucht haben den Germanen zu erklären, dass Gott barmherzig ist, war schnell klar, dass die Germanen kein Wort kannten, dass das ausdrücken konnte. Die Germanen waren sozusagen ohne Barmherzigkeit. D.h. erst der christliche Glaube hat die Barmherzigkeit nach Germanien gebracht.

Die Missionare mussten das Wort Barmherzigkeit erschaffen!

Das gibt es im übrigen auch heute noch, dass Bibelübersetzer neue Worte erschaffen müssen, damit sie in der Sprachen in die sie die Bibel übersetzen, das ausdrücken können, was in der Bibel steht.

Was nach diesem ersten, einleitenden Satz folgt, sind verschiedene praktische Anwendungen, wie Barmherzigkeit geübt werden kann.

Im ersten Vers heißt es: 37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Vor kurzem ist ins Makarios eingebrochen worden. Die Folgen sind vielfältig. Wir haben sicherheitshalber erstmal alle Wertgegenstände, die noch nicht gestohlen wurden, mitgenommen. Denn wenn einmal jemand einbricht, kann das ja wieder passieren. Unser Sascha, hat viele Stunden damit verbracht, den Einbruch der Polizei zu melden, Aussage machen usw. Aber darüber hinaus hat es uns als Team viele Stunden gekostet, weil wir überlegen mussten, wie wir in Zukunft einen Einbruch verhindern können. Ob wir einen Tresor anschaffen, welche Schlüssel fehlen usw.

Der erste Impuls von mir war: wenn ich den Typ zwischen die Finger bekommen, dann Gnade ihm Gott. Und als der Gedanke durch war, hab ich gemerkt – nein das kann und darf nicht sein. Weder will ich die Einbrecher verdammen, noch mich zur Richter aufspielen. Denn auch wenn ich selber noch nie irgendwo eingebrochen bin, so bin ich dennoch ein Sünder und auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen. Natürlich will ich trotzdem, dass die Täter gefasst werden, und dass sie eine gerechte Strafe bekommen. Aber das ist nicht meine Aufgabe. Das ist Aufgabe der Polizei, des Gerichtes und die Aufgabe Gottes.

Außerdem war uns allen klar: wir vergeben diesen Einbrechern. Vergeben für den Stress, vergeben für den Diebstahl, vergeben für die vielen zusätzlichen Stunden an Arbeit. Vergeben, weil auch ich Vergebung benötige. Immer und immer wieder.

Wenn man in so einer Situation, den Ärger hinter sich lassen kann, dann ist das im übrigen eine gute und wertvoll Entlastung.

Welche Situationen, welche Menschen kommen Ihnen in den Sinn, wenn sie diesen Vers hören? Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Sind Sie bereit zu vergeben? Und wenn der Schmerz zu tief sitzt – und es gibt Dinge, die so tief verletzt haben, dass das mit der Vergebung ganz schön schwierig ist – also wenn der Schmerz zu tief sitzt, sind Sie dann bereit, dass Jesus in diese Situation kommt? Um den Schmerz zu nehmen und Vergebung zu ermöglichen? Oder halten Sie fest an dem was geschehen ist?

Dann geht Jesus noch einen Schritt weiter:

38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.

Jesus empfiehlt uns, großzügig zu geben. Da geht es nicht nur um Geld! Da geht es auch um Liebe, um Zeit, um Leidenschaft etc. und Jesus verheißt, dass je mehr wir geben, desto mehr werden wir wieder bekommen. Das ist ein himmlisches Prinzip! Jesus spricht darüber ja auch an anderen Stellen der Evangelien.

Ich weiß nicht, ob sie das Prinzip des 10ten kennen. Dieses Prinzip heißt, dass von allem was ich bekomme, zehn Prozent an Gott gehen. Mein Gehalt – zehn Prozent für das Reich Gottes investieren, z.B. indem ich es an meine Gemeinde und gute Projekte die ich unterstützen will, gebe. Meine Zeit – zehn Prozent meiner Zeit für das Reich Gottes zu investieren. Indem ich einen Mesnerdienst übernehme. Indem ich eine Jungschargruppe leite oder….

Dieses Prinzip kann man auf alle Bereiche des Lebens übertragen. Und was wir erleben werden ist, dass wir trotzdem keinen Mangel haben. Weder finanziell, noch zeitlich, noch in sonst einem Bereich. Im CVJM leben viele Mitarbeiter dieses Prinzip. Sie arbeiten unentgeltlich mit und geben dafür noch Geld in den CVJM. Und das Erstaunliche ist: selbst diejenigen, die finanziell nicht so üppig gesegnet sind, erleben die Versorgung Gottes.

Jesus fordert uns auf großzügig zu sein, nicht klein klein zu rechnen. Deshalb können wir selbst dann, wenn wir den 10ten praktizieren eine falsche Haltung haben. Nämlich dann, wenn wir meinen, wir wären ein besonders guter Christ weil wir das tun, oder weil wir zu kleinlich drauf schauen auch ja immer genau den 10ten zu geben. Wir leben hier in Deutschland in großem Reichtum. Trotzdem fällt es vielen Menschen schwer, großzügig zu sein. Ist doch merkwürdig.

Es ist eine Verheißung! Wer großzügig ist, wird auch großzügig belohnt. Wollen Sie der Verheißung neu glauben schenken?

Im nächsten Vers zeigt Jesus auf, warum die obenstehenden Verhaltensweisen gut und richtig und wichtig sind:

39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

Die Frage Jesu ist rhetorisch. Jeder weiß die Antwort. NEIN. Ein Blinder kann keinem anderen Blinden den Weg weisen. Was will Jesus damit sagen?

Ist es nicht so, dass wir grundsätzlich den Aussagen Jesu zustimmen? Klar ist Vergebung gut und wichtig. Klar soll man nicht geizig sein. Ja, es ist richtig niemanden zu schnell zu verurteilen. Haben Sie gemerkt, wie ich die Aussagen Jesu abgeschwächt habe? Aus großzügig geben wird: „nicht geizig sein“. Aus nicht richten wird: „niemanden zu schnell verurteilen“. Ich merke an mir selber, dass diese Tendenz da ist. Es kommen mir Gedanken: „So genau kann man das doch nicht nehmen“. Oder: „Jesus meint das doch nicht so krass.“

Und in der täglichen Praxis ist es doch so, dass wir uns schnell selbst bemitleiden, weil man ungerecht behandelt wurde. Oder dass wir schnell dabei sind, jemanden zu beschimpfen, der mir auf den Geist geht. Das ist doch normal, oder? Wir wollen das vielleicht gar nicht, trotzdem passiert es immer wieder.

Wir sollten uns nichts vormachen – Jesus können wir eh nichts vormachen. Wir sollten ehrlich in den Spiegel schauen, oder uns von Jesus den Spiegel vorhalten lassen. Jesus ist barmherzig und wir dürfen mit unserem Versagen zu IHM kommen. Aber das können wir nur, wenn wir bereit sind unser Versagen zu erkennen und zu bekennen!

Jesus meint mit seiner Frage: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? , dass wenn wir uns nicht an das halten, was er uns empfiehlt (oder eher was Er uns befiehlt), dann sind wir Blinde. Und dann können wir uns nicht einbilden, jemand anderem sagen zu können, was richtig und falsch ist, oder im Bild zu bleiben, wo die Grube ist und wo nicht.

Und dann spricht Jesus über das Verhältnis von uns zu Ihm:

40 Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.

Damit ist zum einen gesagt, dass Jesus vollkommen ist, und zum anderen wird deutlich: niemand von uns ist vollkommen, niemand weiß es besser als Jesus. Das unterstreicht nochmals das, was ich vorhin versucht habe zu verdeutlichen: Jesus weiß es! Er weiß was gut ist! Er weiß was richtig ist! Wir sollen ihm nachfolgen und nicht meinen, es besser zu wissen. Das ist sozusagen, die Ursünde der Menschheit, die in den ersten Kapiteln der Bibel beschrieben wird. Dass wir meinen, wie Gott zu sein, und entscheiden zu können, was gut ist und was böse ist. Und tatsächlich haben wir ein Urteilsvermögen! Doch wenn unser Urteilsvermögen über dem steht, was Gott sagt, was Jesus sagt, dann liegen wir falsch.

Der Abschluss der Rede, ist dann ein sehr bekannter Vers:

41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? 42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Dieser Vers fasst nochmals die Verse davor zusammen. Im Umgang mit unseren Nächsten geht es immer zuerst darum, wie wir sind! Bin ich barmherzig? Bin ich bereit zu vergeben? Verzichte ich darauf jemand anderen zu richten? Oder zu verdammen? Bin ich bereit großzügig zu geben?

Wir sind schnell dabei, die Fehler der Anderen zu erkennen. Wie kann man nur? Hast Du gehört, was der gemacht hat? Weißt Du, dass…..

Die Abschlussverse weisen uns darauf hin, dass wir zuallererst auf uns selber schauen sollen, auf das wie wir uns verhalten und erst dann auf unseren Nächsten.

Wenn Jesus uns auffordert zuerst den Balken aus dem eigenen Auge zu nehmen, dann hat das auch damit zu tun, dass wir vorher – also bevor wir den Balken aus unserem Auge gezogen haben – doch gar nicht den Splitter gescheit aus dem Auge des Gegenübers ziehen können. Denn solange wir in einem Auge einen Balken haben, sehen wir doch gar nicht gut genug. Mit einem Auge kann man nämlich nicht richtig dreidimensional sehen! Dafür braucht man beide Augen!

Was Jesus nicht möchte ist, dass wir die Fehler der Anderen benennen, ohne uns selber bewusst zu sein, dass auch wir Fehler haben. Wir sind eine Gemeinschaft von Sündern.

Was Jesus auch nicht möchte ist, dass wir alle Fehler unter eine Decke stopfen und sie einfach ignorieren. Oder dass wir Fehler bagatellisieren.

Jesus möchte dass wir uns unserer eigenen Unzulänglichkeit bewusst sind. Dann können wir auch mit der entsprechenden Barmherzigkeit, auf die Unzulänglichkeit des Anderen hinweisen. Jesus möchte, dass wir uns in die Situation unseres Nächsten hineindenken und versuchen zu verstehen, warum dieser so gehandelt hat, wie er es tut. Was nicht heißt, dass ich dann das gut finden muss, was dieser tut.

Aber, wenn ich mir meiner eigenen Fehler bewusst bin, dann werde ich barmherziger mit meinem Gegenüber sein. Ich sage hier deutlich bewusst: denn unbewusste, uneingestandene, vertuschte Fehler können zum Gegenteil führen. Dann muss der eigene Fehler im Anderen bekämpft werden. In der Psychologie spricht man vom dunklen Zwilling.

Der Schlüssel ist Nächstenliebe. Jesus sagt in Matthäus 22, dass das Gesetz erfüllt ist, durch die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten. Die Liebe zum Nächsten, das ist die Grundvoraussetzung, den Splitter im Auge des Anderen entfernen zu können.

„Nächstenliebe“ heißt im englischen: Christian Love.

Das bedeutet, dass die Nächstenliebe – die „Christian Love“ – ein Markenzeichen ist. Christen lieben ihren Nächsten. So wie wir Tempo sagen, wenn wir Papiertaschentuch meinen, ist die Nächstenliebe, die spezielle Liebe der Christen. Christen lieben ihren Nächsten.

Lassen sie uns Täter sein, nicht nur Hörer. Damit Nächstenliebe und Barmherzigkeit nicht nur Worte im christlichen Vokabular sind, braucht es uns!

Amen

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz